Die Haltung ändern

Schmerzen und Verspannungen im Rücken gehören für viele Erzieherinnen und Erzieher zum Kita-Alltag. Das Projekt „ErgoKita“ hat Lösungen gefunden, die körperliche Belastungen spürbar verringern.

Die Welt im Bonner Kinderhaus „Am Zwergenwald“ ist seit einer Weile eine andere geworden: Die Kita hat jetzt höhenverstellbare Tische bekommen, dazu Bodenstühle mit Rückenlehnen und Wickeltische mit Treppen. Die 90 Kinder nutzen nun eine breite Palette verschieden hoher Sitzgelegenheiten von der Bank bis zum Treppenhochstuhl. So können auch sie ihren Beitrag leisten und Größenunterschiede überwinden.

Der Essensraum ist wie ein Restaurant angelegt, mit Tischgruppen in unterschiedlichen Höhen und mit rollenden Erzieherinnenstühlen samt flexiblen Lehnen. „Die Kolleginnen fahren einfach zum Nebentisch und passen sich in der Höhe an jede Situation an“, sagt Iris Ohm, die Leiterin der Kita. Auch Schränke und Regale stehen auf Rollen, sodass ein Raum leicht verändert und mehr Platz geschaffen werden kann. „Früher saßen wir auf kleinen Kinderstühlen“, sagt Iris Ohm. „Nun kommen uns die Kinder beim Ausgleich von Höhenunterschieden entgegen.“ Gesundheitliche Probleme der 13 Kolleginnen und Kollegen wie Knie-, Rücken- und Kopfschmerzen seien deutlich zurückgegangen, das Wohlbefinden spürbar gestiegen: weniger Schmerzen, mehr Ruhe, mehr Gelassenheit.

 

KURZ GESAGT!

  • Höhenverstellbare Möbel verringern körperliche Belastungen
  • Die Kinder kommen den pädagogischen Fachkräften entgegen
  • Bücken, Knien und Heben wird vermieden
  • Die Folge: weniger Schmerzen, mehr Gelassenheit

 

Kita-Leitungen befragt

Einen wichtigen Impuls für die kleine Revolution im „Zwergenwald“ hat das Projekt ErgoKita des Instituts für Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) und von universitären Instituten in Darmstadt und Frankfurt gesetzt: Expertinnen und Experten aus der Projektgruppe untersuchten über einen Zeitraum von zweieinhalb Jahren physische und psychische Belastungen im Kita-Alltag. 265 Kita-Leitungen wurden zur Beanspruchung von Körperregionen, zum Mobiliar ihrer Kitas und zu Arbeitsbedingungen befragt.

In 24 ausgewählten Kitas wurden gesundheitliche Beschwerden erfasst sowie Belastungen des Muskel-Skelett-Systems gemessen. In neun Kitas wurden Videos von Arbeitsabläufen gedreht. Schließlich entstanden Präventionsideen, um die Lage im Job buchstäblich zu entspannen: ergonomisches Mobiliar, Änderungen der Alltagsorganisation und Tipps zum gesünderen Verhalten. In sechs Kitas wurden gemeinsam mit den Beschäftigten neue Möbel ausgewählt, ausprobiert und ausgewertet – begleitet von Verhaltens- und Ergonomie-Schulungen.

Gesundheit der Beschäftigten im Blick

Die Ergebnisse flossen in die Realisierung der bundesweit ersten Musterkita „Kinderplanet“ in Neuwied in Rheinland-Pfalz ein. Parallel entstanden Schulungsmaterialien und Handlungshilfen zur gesundheitsgerechten Kita-Gestaltung, Checklisten zur Gefährdungsvermeidung und Lehrmodule für die Berufsausbildung. „In Kitas sollte nicht nur die Gesundheit der Kinder, sondern auch die Gesundheit der Beschäftigten in den Blick genommen werden“, betont DGUV-Arbeitsschutzexpertin Angelika Hauke. „Wenn ergonomisches Mobiliar bereitsteht und vom pädagogischen Personal genutzt wird, können Belastungen vermindert werden.“

Auch die Tagesstätte „St. Anna“ in St. Augustin war am Projekt ErgoKita beteiligt. „Weil Kinder heute viel mehr Zeit in der Kita verbringen und auch mit drei oder vier Jahren noch gewickelt werden, nehmen Rückenprobleme allgemein zu“, erklärt Kita-Leiterin Barbara Els. Das Personal versuchte früher viel öfter durch ständiges Bücken, Knien, Hocken und Heben die Größenunterschiede auszugleichen. Die Folgen: Belastungen der Wirbelsäule, Verspannungen in Schultern und Nacken und immer wieder Kopfschmerzen.

Das hat sich durch das Projekt ErgoKita deutlich geändert: Fächertische mit drei Ebenen zogen in die Kita St. Anna ein, dazu Rollhocker, Kniesitzkissen und neue Erzieherinnenstühle. In der Garderobe können sich Kinder nun auf unterschiedliche Sitzbänke stellen, um sich bei Bedarf beim Anziehen helfen zu lassen.

Die 16 Fachkräfte arbeiten seither viel öfter mit geradem Rücken. „Wir spüren klare Verbesserungen“, erzählt Barbara Els. „Die Haltung ist anders geworden – Krankschreibungen sind merklich zurückgegangen.“

 

RÜCKENFREUNDLICH ARBEITEN

  • Denken Sie ergonomisch: Viele Tätigkeiten können einfacher ausgeführt werden.
  • Entlasten Sie Ihren Rücken: Nicht alles muss getragen werden.
  • Machen Sie sich gerade: Haltung muss bewusst wahrgenommen werden.
  • Arbeiten Sie körpernah: Lasten sind leichter zu handhaben,
    je näher sie am Körper getragen werden.
  • Richten Sie Ihren Körper nach der Arbeitsrichtung aus:
    Eine gerade Arbeitsposition schont den Rücken.
  • Arbeiten Sie mit lockeren Gelenken: Gelenke müssen optimal belastet werden.
  • Gönnen Sie sich Abwechslung: Der bewusste Wechsel zwischen statischen und dynamischen Tätigkeiten tut gut.

Diese und weitere Infos und Tipps finden Sie in der kostenlosen BGW Broschüre „Rückengerecht arbeiten in der Kita“ unter: www.bgw-online.de
> Suchbegriff: BGW 07-00-130

 

DAS PROJEKT

Partner des Projekts ErgoKita sind das Institut für Arbeitswissenschaft der TU Darmstadt, das Institut für Arbeits-, Sozial- und Umweltmedizin der Goethe- Universität Frankfurt sowie das IFA.
Initiiert wurde das Projekt von den
Unfallkassen Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sowie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege.

Mehr zum Projekt unter: www.dguv.de > Webcode: d118468