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Leitungskräfte können durch gute Führung die psychischen Belastungen im Kita-Team mindern. Dr. Torsten Kunz von der Unfallkasse Hessen im Interview zu Belastungen und besonderen Ressourcen.

Die Fehlzeiten aufgrund von psychischen Erkrankungen haben stark zugenommen. Woran liegt das?

Zunächst haben sich die Belastungen selbst verändert – an Stelle körperlicher Belastungen sind vielfach psychische getreten. Ein weiterer Grund ist, dass sich auch die Diagnostik der Ärzte verändert hat. Heute gibt es ein Bewusstsein, dass körperliche Beschwerden wie Rückenschmerzen ihre Ursache auch in psychischen Belastungen haben können.

Wie haben sich die Belastungen in den Kitas verändert?

Die Altersspanne der zu betreuenden Kinder und auch die Lärmbelastung haben zugenommen. Sicher ist auch der Anspruch der Eltern ein anderer. Außerdem sind die Betreuungszeiten länger geworden. Je länger Kinder in der Kita sind, desto stärker müssen die pädagogischen Fachkräfte Aufgaben der Eltern in der Erziehung übernehmen. Das ist anstrengend für die Kinder und damit auch für die Fachkräfte. Es gibt zudem Entwicklungen, die die psychischen Belastungen verstärken. Dazu gehört das relativ hohe Durchschnittsalter der Erzieherinnen und Erzieher in vielen Kitas – man steckt viele Belastungen als junger Mensch einfach besser weg.

Gibt es in Kitas auch Faktoren, die sich positiv auf die seelische Gesundheit auswirken?

Eine der großen Ressourcen für die psychische Gesundheit sind die vielen Möglichkeiten der Mitgestaltung in der Kita. Wenn man ein hohes Maß solcher Freiheitsgrade im Beruf hat, wirkt sehr viel oder anstrengende Arbeit weniger belastend. Ein positiver Faktor ist auch das Gefühl der Selbstwirksamkeit: Erzieherinnen und Erzieher können die Entwicklung der Kinder direkt beeinflussen.

Psychische Belastungen sind viel schwerer greifbar als körperliche …

Das stimmt. Ein guter Einstieg in das Thema psychische Belastungen ist die Gefährdungsbeurteilung.

Die Gefährdungsbeurteilung ist für viele Verantwortliche immer noch ein Schreckgespenst. Können Sie den Leitungskräften da ein bisschen die Sorge nehmen?

Die Idee der Gefährdungsbeurteilung ist, dass man damit den Arbeitsplatz kontinuierlich verbessert. Im ersten Schritt ermittelt man die Gefährdung und gesundheitliche Belastung und beurteilt, welche davon besonders relevant sind. Dann überlegt man, mit welchen Maßnahmen diese Gefährdungen und Belastungen reduziert werden können. Im nächsten Schritt werden die Maßnahmen umgesetzt und ihre Wirksamkeit immer wieder überprüft. Wenn sich die Rahmenbedingungen bei der Arbeit ändern, aktualisiert man die Gefährdungsbeurteilung.

Wie können die Leitungskräfte ganz konkret vorgehen?

Bei einem kleinen Kita-Team reicht es völlig, wenn sich das Team zusammensetzt – vielleicht gemeinsam mit jemandem vom T räger. Dann wird systematisch überlegt, welche Gefährdungen und Belastungen es in dieser Kita gibt – einschließlich der psychischen Belastungen. Partizipation ist hier ganz wichtig. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind die Experten für ihre eigenen Belange. Wenn sie bei der Suche nach den Problemen und den Lösungen einbezogen werden, sind Maßnahmen einfacher und praktikabler umsetzbar und ihre Akzeptanz ist höher.

Und wie tastet sich die Leitungskraft am besten an das Thema psychische Belastungen heran?

Sie kann mit Themen wie Lärm einsteigen und sich schrittweise möglichen Tabuthemen wie Führung oder Spannungen im Team nähern. Leitung und Team schauen sich beispielsweise die Arbeitsumgebung an. Ist in der Kita der Lärmpegel sehr hoch und woran liegt das? Gibt es Pausenräume? Pausen in Kitas werden nicht als Entlastung gesehen, wenn es keine Möglichkeit zum Rückzug gibt. Dann die Arbeitsorganisation: Welche Arbeitsz eiten gibt es? Muss jemand aus dem Team vielleicht eigene Kinder abholen? Dann kommt man zu Fragen wie: Klappt die Zusammenarbeit innerhalb der Teams, zwischen Team und Träger, mit Hauswirtschaftskräften?

Können Sie Beispiele nennen, wie Leitungskräfte die psychischen Belastungen im Team reduzieren?

Gerade bei der internen Organisation hat die Kita-Leitung viele Möglichkeiten. Beispielsweise kann man bei den Abholzeiten einer Person den „Abholdienst“ übertragen, die die Kinder an die Eltern übergibt. Die Leitungskraft sollte bei den Dienstplänen die Bedürfnisse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter berücksichtigen. Wenn Spannungen im Team bestehen, gibt es die Möglichkeit einer Mediation, bei schwierigen Kindern die einer Supervision. Wichtig sind immer Lösungen, die alle als gerecht empfinden und mittragen. Dazu muss die Leitung dem Team die Gründe für ihre Entscheidungen kommunizieren.

Was können die Erzieherinnen und Erzieher selbst tun?

Sie müssen die Gefährdungsbeurteilung als Chance erkennen, ihre Arbeitsplätze sicherer und gesünder zu machen. Sie sollten daher an dem Prozess aktiv und konstruktiv mitarbeiten. Das bedeutet, dass sie sich selbst Gedanken machen, wie ihr Arbeitsplatz verbessert werden kann. Dabei sollte allen klar sein: Dinge brauchen Zeit. Man kann nicht alle Belastungen zugleich angehen.

 

INTERVIEW MIT …

Dr. Torsten Kunz
Er ist Präventionsleiter der Unfallkasse Hessen und seit 1999 Mitglied im Redaktionsbeirat der KinderKinder.

 

 

GEFÄHRDUNGSBEURTEILUNG

Online-Gefährdungsbeurteilung für Kindertagesstätten:
www.bgw-online.de/gefaehrdungsbeurteilung-kita

Handlungshilfe für Gefährdungsbeurteilung in Kitas: www.sichere-kita.de > Leitung > Gefährdungsbeurteilung

Kita-Box „Auf geht’s … zur gesunden Kita im Dialog“:
www.uk-nord.de > Webcode: P00633

Broschüre „Gefährdungsbeurteilung in Kindertageseinrichtungen“: www.kita.ukh.de > Informationen > Handlungshilfe zur Gefährdungsbeurteilung in Kindertageseinrichtungen