„Geborene Demokraten“

Mitentscheiden, für sich selbst einstehen und Verantwortung übernehmen: Das alles können Kinder schon in der Kita lernen. Rüdiger Hansen vom Institut für Partizipation und Bildung aus Kiel im Interview.

Partizipation bedeutet, dass jedes Kind eine Stimme hat. Es bedeutet aber auch, dass Kinder Verantwortung für die Gemeinschaft übernehmen müssen. Wie begeistert man Kinder dafür?

Man könnte fast sagen, dass Kinder geborene Demokraten sind. Die Forschungen von Michael Tomasello am Max-Planck-Institut in Leipzig zeigen, dass sie zunächst gar nicht anders können, als mit den Menschen in ihrem Umfeld zu kooperieren. Sie sind hilfsbereit und wollen sofort mitmachen, wenn Erwachsene den Tisch decken oder Ähnliches. In Beteiligungsprojekten erleben Fachkräfte auch, dass Kinder, die sich bei einer Mehrheitsentscheidung durchgesetzt haben, diese wieder infrage stellen, um nach einer neuen Lösung zu suchen, weil die anderen sonst ja traurig wären. Man muss sie gar nicht zur Verantwortlichkeit motivieren, man muss sie in der Regel nur lassen.

Sind die pädagogischen Fachkräfte auch so leicht für das Thema zu gewinnen?

Für die Erwachsenen ist das meist ein größerer Lernprozess als für die Kinder. Sie müssen Teile ihrer Macht an die Kinder abgeben, nur dann kann Partizipation funktionieren. Wenn Erwachsene dazu bereit sind und den Kindern Rechte geben, dann ist der erste und wichtigste Schritt einer Demokratisierung getan.

Und wenn Kitas sich dem Thema verschließen?

Inzwischen gibt es klare gesetzliche Vorgaben, Partizipation konzep tionell zu verankern. Deshalb müssen die Kitas sich bewegen. Trotzdem muss man jede einzelne Fachkraft dafür gewinnen – damit sie im Alltag tatsächlich umsetzt, was im Konzept steht. Da hilft es, Partizipation zunächst bei ausgewählten Themen zu erproben. Wenn pädagogische Fachkräfte erleben, wie kompetent die Kinder sich dann einbringen, überzeugt sie das zumeist.

Um Partizipation in einer Kita zu leben, braucht es doch sicher auch methodische Kompetenz …

Ja. Es geht nicht darum, die Kinder allein entscheiden und machen zu lassen. Die pädagogischen Fachkräfte müssen genau klären, worüber die Kinder mitentscheiden dürfen und worüber nicht. Und sie müssen die Beteiligungsprozesse auch angemessen gestalten. Es stellt sich immer die Frage, was jedes einzelne Kind braucht, um seine Rechte wahrnehmen zu können.

Wie verändert sich dadurch die Rolle der Erzieherinnen und Erzieher?

Sie sind nicht mehr diejenigen, die alles bestimmen. Das hat zur Folge, dass die Fachkräfte viele Dinge, die sie vorher alleine geregelt haben, nun mit den Kindern gemeinsam entscheiden und umsetzen. Wenn Partizipation in einer Kita wirklich gelebt wird, erhalten wir häufig die Rückmeldung, dass die Arbeit leichter und entspannter wird. Das hat damit zu tun, dass viele Machtkämpfe wegfallen und Kinder für sich und andere Verantwortung übernehmen.

Aber um einige Regeln kommen Kitas trotz allem nicht herum. Wie passt das zusammen: Regeln setzen und trotzdem Demokratie leben?

Demokratie ist ja nicht regellos. Die Frage ist eher: Wer darf denn welche Regeln setzen? Einige Einrichtungen geben nur noch wenige Kernregeln vor. Eine Kita nennt das ihre No-Gos. Das heißt in diesem Fall: keine Gewalt, kein Vandalismus und kein Kind darf ohne Genehmigung einer Fachkraft das Gelände der Einrichtung verlassen. Diesen Rahmen setzen die Erwachsenen auch durch. Alle anderen Regeln werden dort mit den Kindern gemeinsam entschieden.

Wo gerät die Partizipation an ihre Grenzen?

Es gibt zwei Grenzen. Die eine Grenze ist die der Gefährdung. Wenn Kinder sich oder andere durch ihr Tun und ihre Entscheidungen gefährden, sind Erwachsene gefordert, sie zu schützen. Die andere Grenze kann die Überforderung von Kindern sein. Fachkräfte dürfen Kindern keine Entscheidung zumuten, die sie noch nicht treffen können. Beispielsweise sollte Kindergartenkindern nicht die Entscheidung überlassen werden, wann sie ihre Haut vor der Sonne schützen. Sie sind damit überfordert, die Wirkungen von UV-Strahlung einzuschätzen, und würden sich gegebenenfalls selbst gefährden. Allerdings geht sehr viel mehr, als Erwachsene in aller Regel für möglich halten.

Wie macht man für die Kinder nachvollziehbar, was sie mitentscheiden dürfen und wo die Grenzen der Partizipation verlaufen?

Indem man es sichtbar macht. Man visualisiert Rechte und Regeln durch Symbole oder Fotos. Was nicht erlaubt ist, wird beispielsweise mit einem roten Kreuz gemarkert. Die Kinder verstehen sehr schnell, welche Rechte sie haben und welche Dinge die Erwachsenen entscheiden.

Aber machen Vorgaben und Regeln durch die pädagogischen Fachkräfte den Kita-Alltag nicht viel leichter?

Mir scheint das Gegenteil der Fall zu sein: Ich erlebe oft, dass es viel zu viele Regeln gibt und dass sich Fachkräfte gar nicht einig sind über die Regeln, die in ihrer Einrichtung gelten. Wenn eine Kollegin den Kindern etwas verbietet, was eine andere erlaubt, sorgt das nicht nur für Unmut im Team. Die Kinder sind dann zudem gezwungen, mit dieser manchmal schwer nachvollziehbaren Willkür umzugehen. Solch ein Umgang mit Regeln macht den Kita-Alltag eher anstrengender.

Wenn eine Kita Partizipation eingeführt hat und lebt, kann sie sich dann – überspitzt gesagt – entspannt zurücklehnen?

Nein. Wie jede Demokratie ist auch die kleine Demokratie in der Kita immer gefährdet. Die Kinder können sich allein nicht dagegen wehren, wenn Erwachsene die Macht wieder an sich reißen. Bei allem guten Willen setzt sich im Alltag – vor allem in Stresssituationen – häufig wieder die alte Gewohnheit durch, Entscheidungen kurzerhand ohne Kinderbeteiligung zu treffen.

Warum ist Partizipation in der Kita so wichtig?

Demokratie lernt man nur, wenn man Demokratie erlebt. Partizipation in der Kita ermöglicht dieses Erleben. Und wenn man Kinder beteiligt, lernen sie ganz nebenbei noch eine ganze Menge. Ein weiteres Argument ist der Schutz von Kindern. Dürfen Kinder mitentscheiden und mithandeln, werden sie nicht nur stark und selbstbewusst. Sie erfahren so auch, dass Erwachsene nicht immer alles wissen und richtig machen, und dass es gut ist, wenn sie sagen, dass Erwachsene etwas Falsches tun.

Interview mit Rüdiger Hansen, Dipl.-Sozialpädagoge und Vorstand des Instituts für Partizipation und Bildung in Kiel. Er ist Experte für die Beteiligung von Kindern in Kindertageseinrichtungen.