Verständnis für das Anderssein

Die Zusammenarbeit mit Eltern aus verschiedenen Kulturen stellt Erzieherinnen und Erzieher manchmal vor Herausforderungen. Dabei ist die interkulturelle Kompetenz der pädagogischen Fachkräfte besonders gefragt.

Die Karl Kübel Stiftung für Kind und Familie im hessischen Bensheim beschäftigt sich schon seit vielen Jahrzehnten mit der Integration anderer Kulturen in die deutsche Bildungslandschaft. Lange Zeit war das Thema nicht sonderlich gefragt, erzählt Vorstandsmitglied Daniela Kobelt Neuhaus. „Als vor drei Jahren so viele Flüchtlinge kamen, hat sich gezeigt, wie wichtig das Thema ist.“ Die Stiftung unterstützt Erzieherinnen und Erzieher unter anderem mit Beratungsangeboten. Daniela Kobelt Neuhaus kennt die Ängste der Kita-Teams. Einige Frauen beschäftigt beispielsweise die Frage, ob muslimische Männer ihnen die Hand geben und ihre Autorität in der Kita anerkennen. „Wichtig ist, dass ich selbst weiß, wie ich behandelt werden möchte und mir die eigenen Wertvorstellungen klar sind“, sagt Daniela Kobelt Neuhaus. Dass ließe sich dann auch gut vermitteln. In vielen Situationen wäre aber auch Kompromissbereitschaft notwendig.

Kurz
gesagt!

  • Den Eltern und Kindern Sicherheit vermitteln
  • Offenheit für das Unbekannte
  • Sprachbarrieren mit Hilfsmitteln wie Piktogrammen überwinden
  • Austausch im Team pflegen

Kulturelles Miteinander

Mit der Integration von Flüchtlingskindern wurde der Hort Kuntzehöhe weitgehend unvorbereitet konfrontiert. „Mein Team und ich wussten anfangs gar nicht, was auf uns zukommt“, sagt Jana Knüpfer. Sie leitet die Einrichtung im sächsischen Plauen. Eine der großen Fragen, die das Team damals bewegte: Wie wird das Miteinander mit Familien aus anderen Kulturen funktionieren? Heute weiß die Kita-Leiterin: Das Miteinander ist eine Bereicherung für alle. Ihr Hort beteiligt sich inzwischen an dem Projekt „Willkommenskitas“ der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS). Es gab Weiterbildungsangebote dazu, wie die Aufnahme von Flüchtlingskindern gelingen kann. Besonders wichtig: Den Eltern muss die Sicherheit vermittelt werden, dass ihre Kinder im Hort gut aufgehoben sind. Dass hier nach der Fluchterfahrung Normalität herrscht. Normalität – das bedeutet in einer Kita auch das Einhalten von Regeln. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Eltern unserer Flüchtlingskinder diese problemlos akzeptieren.“

Missverständnisse gehören dazu

Julia Schauer, die das Projekt Willkommenskitas in Sachsen koordiniert, hält Kultursensibilität für wichtig. Dabei ginge es nicht darum, dass Erzieherinnen und Erzieher zu Religionsexperten werden. Vielmehr sei Verständnis für das Anderssein wichtig. „Es hilft zum Beispiel, wenn ich weiß, was der Ramadan ist“, sagt sie. Während der Fastenzeit ist das Essen von Speisen nur nach Sonnenuntergang erlaubt. „Das verändert das Familienleben in diesen Wochen.“

Missverständnisse kommen natürlich vor. So ist das strikte Einhalten vorgegebener Uhrzeiten eben typisch deutsch. „Das Angeben von Zeitspannen hat sich in der Zusammenarbeit mit Eltern aus anderen Ländern bewährt“, erzählt Daniela Kobelt Neuhaus. Beim Essen, für viele Eltern mit Blick auf das Verbot von Schweinefleisch im Islam ein wichtiges Thema, ist es allerdings ganz einfach: Die individuellen Sonderregelungen sind Kitas schon längst geläufig.

Den Eltern muss vermittelt werden, dass die Kinder in der Kita gut aufgehoben sind. Wichtig auch: Klare Informationen zum Essen.

Keine Sonderbehandlung für Flüchtlingskinder

Gleich mehrere Kulturen kennt Volker Abdel Fattah aus eigener Erfahrung. Der Referent für Kinder- und Jugendhilfe im AWO Landesverband Sachsen hat einen ägyptischen Vater, seine Mutter ist Deutsche. Einen Teil seiner Kindheit verbrachte er in Ägypten. Als er später in Deutschland die Schule besuchte, konnte Abdel Fattah die deutsche Sprache zwar sprechen, aber nicht schreiben. Wenn er heute bundesweit in Seminaren vor Erzieherinnen und Erziehern vermittelt, wie wichtig Integration für ausländische Menschen ist, spricht er aus gelebter Überzeugung. „Das heißt aber eben nicht, dass Flüchtlingskinder und ihre Eltern eine Sonderbehandlung brauchen.“

Kleine Piktogramme können die Kommunikation erleichtern.

Er hat oft erlebt, dass sich Erzieherinnen und Erzieher große Sorgen machten. Am Ende finden sich meist einfache Lösungen. Die Sprachprobleme sind solch ein Beispiel. Viele Kitas bekommen Hilfe von Dolmetscherinnen und Dolmetschern. Einige Einrichtungen verwenden kleine Piktogramme, um die Kommunikation zu erleichtern: Da wird zum Beispiel den Eltern das Bild einer kurzen Hose gezeigt, wenn im Sommer entsprechende Wechselkleidung mitgebracht werden soll. „Ich gebe allerdings immer den Rat, den Eltern Briefe oder Formulare in Deutsch mitzugeben“, sagt Volker Abdel Fattah. Schließlich wollen viele Flüchtlinge die deutsche Sprache lernen. Die Erfahrung zeigt: Oft sind es die Flüchtlingsfamilien, die die Zettel als Erste ausgefüllt zurückbringen. „Es ist wichtig, auf die Kompetenz der Familien zu vertrauen.“

Elternpost: Oft sind es die Flüchtlingsfamilien, die die Zettel als Erste ausgefüllt zurückbringen.

Klare Grenzen setzen

Das Einlassen auf Unbekanntes hat allerdings Grenzen. Die sind immer dann gesetzt, wenn das Kindeswohl gefährdet ist. „Das ist bei deutschen Familien aber genauso“, sagt Julia Schauer von der DKJS. Eine Grenze ist auch erreicht, wenn die Erzieherinnen und Erzieher die eigene Gesundheit aus dem Blick verlieren. Gerade bei Schicksalen von Flüchtlingsfamilien müsste deshalb immer wieder reflektiert werden, was pädagogische Fachkräfte mit ihrer Arbeit beeinflussen können und was nicht. „Wenn es um Themen wie Abschiebung geht, ist das hart. Aber man darf emotional nicht alles an sich heranlassen“, sagt Schauer.

Auch deshalb sind Gespräche im Team notwendig. „Wir haben oft zusammengesessen und uns beraten“, schildert Hort-Leiterin Jana Knüpfer. Heute sind sie alle gelassener; die Ängste sind weg. Die Arbeit mit Flüchtlingskindern und deren Eltern ist im Hort Kuntzehöhe zur Normalität geworden.

 

 

WEITERE INFOS

Wissenswertes in 40 Sprachen zu Themen wie Kindergesundheit, Schutzimpfung oder Früherkennungsvorsorge bietet eine neue Homepage des Bundesministeriums für Gesundheit. Das Portal „Migration und Gesundheit“ findet sich unter:
www.migration-gesundheit.bund.de