„Den Körper zu erforschen, ist ganz normal“

Die Psychologin Elisabeth Raffauf erklärt, wie sich kindliche Sexualität in der Kita zeigen kann. Und was zu tun ist, wenn sich Kinder übergriffig verhalten.

Kinder sind kleine Entdecker, auch wenn es um ihren Körper geht. Wie kann sich dieses Bedürfnis in der Kita äußern?

Es kann sein, dass ein Junge und ein Mädchen zusammen auf die Toilette gehen und sich zeigen, wie sie zwischen den Beinen aussehen. Vielleicht fassen sie sich auch gegenseitig an. Oder Kinder liegen in der Kuschelecke aufeinander und bewegen sich auf und ab.

Wie sollten Betreuerinnen und Betreuer dann reagieren?

Ruhig bleiben. Kindliche Sexualität hat nichts mit erwachsener Sexualität zu tun. Bei Kindern geht es meist um die Erforschung des Körpers. Das ist ein normaler Teil der Sexualentwicklung. Und es ist auch normal, dass sie Verhaltensweisen nachspielen, die sie beobachtet haben. Andere Situationen gehen dagegen zu weit.

Zum Beispiel?

Eine Grenze ist überschritten, wenn Kinder sich verletzen können oder eines von beiden etwas nicht möchte. Wenn beispielsweise Gegenstände in Körperöffnungen gesteckt werden. Oder wenn ein Sechsjähriger einen Vierjährigen im Spiel damit bestraft, dass dieser sich die Hose ausziehen muss. Viele Situationen können nur im Einzelfall beurteilt werden.

Was kann pädagogischen Fachkräften dabei helfen?

Ein sexualpädagogisches Konzept, das mit dem Träger und dem Team abgesprochen ist. Darin ist geregelt, welche gemeinsame Haltung die Kita zur Sexualentwicklung hat: Welche Situationen wollen wir zulassen? Wollen wir Kuschelecken einrichten, in denen Kinder sich körperlich-sinnlich erfahren dürfen? Haben wir einen Arztkoffer, mit dem sich die Kinder untersuchen dürfen? Oder bleiben die Hosen bei uns immer an? Es ist auch sinnvoll, sich im Team auf Begriffe für Geschlechtsorgane zu einigen. Das gibt Halt. Und nur wenn ein Kind Worte für seine Sexualität hat, kann es auch sagen, wenn ihm ein sexueller Missbrauch passiert ist.

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten zudem über ihre eigene Haltung zum Thema Sexualität Bescheid wissen. Denn ihre Erfahrung beeinflusst, wie sie Situationen einschätzen. Darüber zu reflektieren, geht nicht im Team oder im Alltag, sondern nur mit Supervision oder in speziellen Fortbildungen, zum Beispiel von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e. V. (www.kinderschutz-zentren.org). Im Idealfall nehmen Kitateams mehrfach an Fortbildungen teil, weil die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wechseln und es zu ganz unterschiedlichen Situationen kommen kann.

Warum ist es so wichtig, als Team eine gemeinsame Haltung zu kindlicher Sexualität zu entwickeln?

Weil diese Haltung auch für die Kinder und Eltern transparent sein muss. Im Grunde sollte das Thema schon beim Kennenlerngespräch aufkommen. Kitas können ihr sexualpädagogisches Konzept auch auf Elternabenden vorstellen. Lehnen Eltern die Haltung der Kita ab, ist es wichtig zu verstehen, welche Sorgen dahinterstecken. Dabei hilft ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Kita und Familie.

Was ist in einer kritischen Situation zu tun?

Es hilft, sich Fragen zu stellen wie: Handelt das Kind aus Neugier oder ist Macht im Spiel? Besteht ein großer Altersunterschied oder ein Gefälle im Entwicklungsstand? Passiert etwas mehrfach? Als wie intensiv empfinde ich die Situation? War das freiwillig? Verhält sich ein Kind auch in anderen Bereichen auffällig? Dafür ist es unerlässlich, die Kinder in der Gruppe gut zu kennen.

Das genaue Vorgehen muss in einem Schutzkonzept geregelt sein. Darin steht, wer intern die richtigen Ansprechpersonen sind, um gemeinsam zu diskutieren, was zu tun ist. Außerdem legt das Schutzkonzept fest, wann eine Fachberatungsstelle oder der Träger kontaktiert wird.

Was brauchen die betroffenen Kinder?

Ein Gespräch und Verständnis. Jemanden, der nicht gleich Partei ergreift, aber klar sagt, wenn etwas nicht erlaubt ist. Und auch alleine mit den Kindern spricht, damit sie sich öffnen können. Gegebenenfalls müssen Maßnahmen getroffen werden, damit sich eine Situation nicht wiederholt, zum Beispiel indem die Kinder nicht mehr zusammen auf die Toilette gehen dürfen.

Wie kann ein Vorfall in der Kitagruppe thematisiert werden?

Indem pädagogische Fachkräfte die Kinder fragen, wie sie die Situation empfunden haben. Dann sollten sie erklären, welche Regeln für alle gelten und warum, zum Beispiel weil Betreuerinnen und Betreuer manchmal schwer einschätzen können, ob Kinder etwas freiwillig machen.

Und worum sollte es im Gespräch mit den Eltern gehen?

Haben Kinder nur ihren Körper erforscht, können Betreuerinnen und Betreuer beruhigend sagen, dass das normal ist. Wenn Macht und Gewalt im Spiel waren, müssen sie im Hinterkopf behalten: Kinder, die in solcher Weise übergriffig werden, könnten selbst Missbrauch erlebt haben. Das passiert am häufigsten in der Familie, deshalb sollten Kitafachkräfte über einen Verdacht nicht mit den Eltern sprechen, sondern Vorfälle und Beobachtungen zunächst intern dokumentieren. Und sich dann Unterstützung von lokalen Kinderschutzzentren holen. Niemand kann ein Kind alleine retten.

Foto: Tina Niedecken

Die Fragen beantwortete Elisabeth Raffauf. Die Diplom-Psychologin bietet Vorträge und Seminare zur Sexualerziehung an und ist Autorin eines Ratgebers zum Thema („Wenn Sophie und Jonah Doktor spielen“, Cornelsen Verlag).

 

IM ZWEIFELSFALL LIEBER BERATEN LASSEN

Fachkräfte finden lokale Beratungsstellen, die sich mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder auskennen, über die Suchmaschine des Hilfeportals Sexueller Missbrauch: www.hilfeportal-missbrauch.de. Auch bei einem vagen Verdacht berät zudem das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch. Dort können alle anrufen, die sich Sorgen um ein Kind machen, anonym und kostenfrei.
Telefon: 0800 22 55 530, www.anrufen-hilft.de