Da bewegt sich was!

Jede Kita sollte eine Bewegungskita sein, findet Martina Henkel. Denn in der „Villa Sonnenburg“ im rheinland­-pfälzischen Hanhofen haben die Kitaleiterin und ihr Team festgestellt, dass selbst schüchterne Kinder durch Bewegungserfahrungen mutig und selbstbewusst werden. Man muss sie nur in ihrer Neugierde bestärken.

Luisa hängt ab. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes. Kopfüber baumelt die Fünfjährige an einem Seil m Burgturm. Denn eines ist ja ganz klar: Wer „Villa Sonnenburg“ heißt, der braucht natürlich auch eine Burg. Im Innern der Bewegungskita in Hanhofen steht sie und hört auf den klangvollen Namen „Sternenburg“. Als großer Abenteuerspielplatz aus Holz ist sie ein echtes Highlight für kleine Kletter­maxe. Und Luisa ist im Klettern geschickt, mit Beinen und Händen hält sie sich fest, blickt nach unten und lächelt entspannt.

Jannis, Ben und die anderen haben mehr Spaß daran, den Parcours möglichst schnell zu meistern. „Sie haben ein Wettrennen ge­macht“, erzählt Erzieher Thomas Kopp. „Ich musste sogar die Zeit stoppen.“ Rauf auf die Burg über die verschlungene Treppe, durch die engen Gänge gerobbt, gekraxelt, gelaufen und dann wieder an den Seilen den Turm runter. Sportskanone Jannis war am schnellsten, handgestoppte 13,5 Sekunden. Aber Ben war auch nicht viel langsamer.

 

KURZ GESAGT!

  • Bewegung fördert die Sprach­entwicklung und stärkt das Selbstbewusstsein der Kinder
  • Gesunde Ernährung ist ein wichtiger Baustein im Konzept
  • Zu Action und Anspannung gehören immer auch Ruhe und Entspannung

 

Gewusel ist gewollt

Ganz schön viel Gewusel, auch in den anderen Räumen und auf den Fluren. Aber genau das ist ja gewollt. „Wir arbeiten unheimlich viel mit der Neugierde des Kindes“, sagt Kitaleiterin Marti­na Henkel und beschreibt das Prinzip so: „Ich komme an, ich kenne etwas nicht, ich lerne etwas kennen, ich traue mir das zu, ich kann das. Und dann erkennt das Kind: Es gibt wieder irgendetwas, was ich noch nicht kenne, was ich mir erst erkämpfen muss.“ So werden die Kinder auf ihrer Entdeckungsreise durch ihre Kitazeit begleitet. Sie beginnen als schüchterne und zurückhaltende „Ministernchen“ (ab eineinhalb Jahre), werden mutiger und wechseln dann in die nächste Gruppe, die „Burgriesen“. Wieder machen sie neue Erfahrungen, orientieren sich an den Älteren, wollen ein „Flummi“ werden, irgendwann ein „Wackelzähnchen“. Und dann wartet ja schon die Einschulung.

Auf dem Weg dorthin haben die Kinder überall Raum, sich richtig auszuleben und auszutoben. Sie sausen eine Rutsche runter, sie balancieren über eine zum Schwebebalken umfunktionierte Bank. Sie tauchen im Bällchenbad ab, sie bauen sich Spinnennetzhöhlen aus Fäden und krabbeln darunter durch. Kreativität gewinnt. Das fängt schon beim Morgenkreis an, wenn die Erzieherinnen und Erzieher den „Märchen­koffer“ öffnen und Geschichten erzählen. Mal mit, mal ohne Requisiten. Dann pflücken die Kinder vor, hinter, unter und neben sich imagi­näre Äpfel. Greifen, um zu begreifen. Oder sie trampeln an der passenden Stelle drauflos, um der Maus Frederick zu helfen, die im Kinderbuch durch die Gegend flitzt und lieber Sonnenstrah­len, Farben und Wörter für den Winter sammelt als Körner und Nüsse.

Roxana und die anderen geben auf den Rädchen ordentlich Gas. Wenn es scheppert, ist es nicht schlimm. Die Kinder lernen daraus.

Frühstückstheke in Ampelfarben

Die Geschichte von Frederick passt irgendwie zum Konzept der Kita. Bewegung und Sprache – da gibt es eine enge Verbindung, wie Marti­na Henkel veranschaulicht: „Das Gehirn bildet Brücken, über die die Kinder dann viel leichter gehen können.“ Aber eigentlich werde über Be­wegung weit mehr trainiert: der Tastsinn, die Grobmotorik, die Feinmotorik, das Selbstbe­wusstsein. „Es ist einfach nur perfekt für die Kinder.“

Das Konzept der „Villa Sonnenburg“ geht je­doch über die Bewegung hinaus und fußt auf drei weiteren Säulen: Nachhaltigkeit, Ernäh­rung und Einbeziehung der Eltern in die Arbeit. „Es geht immer um das gesunde Kind“, betont Martina Henkel. An der Frühstückstheke in den Ampelfarben wissen selbst die Kleinsten: Grün ist gesund, gelb schon nicht mehr so sehr. Und an die selbst gemachte Nutella auf Ebene rot kommen sie gar nicht heran, die müssen ihnen die Erwachsenen reichen. Das Mittagessen wird täglich frisch gekocht, nachhaltig mit saisona­len und regionalen Produkten. So gut, dass das Land Rheinland-­Pfalz die „Villa Sonnenburg“ als „Drei­Sterne­-Ernährungskita“ zertifizierte.

Bei unserem Besuch gibt es Kürbiscremesup­pe. Die jüngeren Kinder sind satt und gönnen sich erst einmal eine Mütze Mittagsschlaf, die älteren haben neue Energie und drängen nach draußen. Das gehört bei Wind und Wetter dazu, jedes Kind hat für seine „Matschklamotten“ ein eigenes Schrankfach. „Wir gehen jeden Tag ganz gezielt mit den Kindern raus – nicht nur in Corona­-Zeiten“, sagt Martina Henkel.

Das Außengelände – wie auch ein Großteil der Inneneinrichtung inklusive der „Sternenburg“ – hat die Kita mit viel Herzblut und in Eigenregie mithilfe der Eltern liebevoll gestaltet. Auch drau­ßen geht es um Erfahrungen, das Erkunden der Welt, Körpergefühl durch Balanceakte. „Wenn neue Eltern kommen, sagen die: ‚Oh Gott, da sind Steine. Was, wenn die Kinder da drauf­fallen?‘“, hat die Kitaleiterin schon oft gehört. Sie bleibt dann gelassen: „Natürlich kann das passieren. Aber durch dieses Bewegungsange­bot werden die Kinder selbstbewusster, selbst­sicherer und können lernen, mit diesen Gefah­ren umzugehen. Das kann für das spätere Leben einfach nur gut sein.“

Auf dem Außengelände können die Kinder auf Baumstämmen balancieren. Das verbessert das Körpergefühl.

Später herrscht drinnen auf den Bewegungs­fluren wieder Hochbetrieb. Bei den „Ministern­chen“ klettern die kleinsten Kitakinder über überdimensionale Gummibausteine. Bei den „Flummis“ und „Wackelzähnchen“ sind die „Fahrzeuge“ schwer angesagt: Rädchen, die aus der Bewegung der Lenkräder ihre Energie beziehen und ziemlich flott unterwegs sind. Da scheppert’s auch schon mal. Nicht schlimm, die Kinder lernen daraus und verbinden Alltags­beobachtungen mit ihren eigenen Erfahrungen. Konrad flitzt auf seinem Gefährt über den Flur, Roxana dicht hinter ihm. „Halt ein bisschen Abstand“, bittet er sie nachdrücklich. „Das machen die richtigen Autos auch.“

Nach Action folgt Entspannung

Doch auch in einer Bewegungskita ist nicht immer nur Action. In Hanhofen, wo 28 Erziehe­rinnen und Erzieher 162 Kinder betreuen und sich eine Heilpädagogin um die Frühförderung kümmert, wissen sie: Zur Anspannung gehört auch immer Entspannung. Deshalb besuchen Erzieherinnen Fortbildungen, etwa „Yoga für Kinder“. Vieles reguliert sich aber ganz von alleine, wie Erzieherin Stefanie Langhauser erklärt: „Die Kinder holen sich die Bewegung, wenn sie sie brauchen, und powern sich aus. Wir merken, dass sie danach viel entspannter und konzentrierter an ihre Aufgaben rangehen.“ Die Zertifizierung als Bewegungskita war für die „Villa Sonnenburg“ jedenfalls ein Volltreffer: gut für die Kinder, gut für die Eltern und gut für die Erzieherinnen und Erzieher.

 

WIE WIRD MAN BEWEGUNGSKITA?

Ob bewegte Kita, Bewegungskinder­garten oder bewegungsfreundliche Kita – die Namen mögen von Bundesland zu Bundesland verschieden sein, das Prinzip ist sehr ähnlich. Für die Zertifizie­rung der „Villa Sonnenburg“ beispiels­weise ist der Verein Bewegungskinder­tagesstätte Rheinland­-Pfalz zuständig. Er überprüft, ob die Anforderungen in den fünf Kategorien Raumgestaltung und ­-nutzung, Bewegungs-­ und Spiel­angebote, Netzwerkbildung (zum Beispiel Elternarbeit oder Zusammenarbeit mit örtlichen Einrichtungen), Qualifikation des Personals (Fortbildung im Bereich „Entwicklungsförderung durch Bewegung“) sowie pädagogische Konzeption (ganzheitliche Entwick­lungsförderung mit dem Kernelement Bewegungsförderung) erfüllt sind. Ist das der Fall, gibt es das Siegel, das nach vier Jahren erneuert werden muss.

In den meisten Bundesländern sind die Landessportbünde in die Zertifi­zierung eingebunden. Einen Überblick für das gesamte Bundesgebiet und das Positionspapier „Grundlegende Stan­dards einer bewegungsfreundlichen Kindertagesstätte“ zum Download bietet die Deutsche Sportjugend im Internet an:
https://kurzelinks.de/bewegungskita

 

 

Hinweise zu Bewegungs­angeboten bieten auch die Unfallkassen, zum Beispiel in Rheinland-­Pfalz:
bildung.ukrlp.de > Sport & Bewegung > Kita

Die Unfallkasse Nordrhein­-Westfalen bietet Broschüren zum Thema an:
www.unfallkasse-nrw.de
Webcode: S0248