„Die Abwechslung macht’s“

Anziehpodeste, begehbare Wickelkommoden, höhenverstellbare Tische: In der Kita Paukenzwerge sorgen viele ergonomische Hilfsmittel dafür, dass das pädagogische Personal rückenfreundlich arbeiten kann.

Tilda läuft ganz alleine die kleine Treppe zur Wickelkommode hoch und ist sichtlich stolz. Was für die Kinder der Kita Pauken­zwerge in Mülheim-­Kärlich Selbstständigkeit bedeutet, ist für die pädagogischen Fachkräfte eine große Entlastung im Berufsalltag. „Wir müssen die Kinder, die gewickelt werden, viel seltener heben“, sagt Christine Rönsch, die seit Anfang 2020 in der Einrichtung beschäftigt ist.

Zuvor hat die 55­-Jährige schon in vielen anderen Kitas gearbeitet. „Solange der Körper das Sitzen auf kleinen Stühlen mitmacht, denkt man über rückenschonendes Arbeiten nicht näher nach“, resümiert sie rückblickend. Das änderte sich plötzlich, als sie ein schweres Metall­-Dreirad in der Kita anhob und eine ungünstige Drehbewegung machte. Es folgten Physiotherapie und Rückenschule.

In der Kita Paukenzwerge gibt es für das rücken freundliche Arbeiten verschiedene ergo­nomische Hilfsmittel. So befinden sich in jeder Gruppe Anziehhilfen. Das sind kleine Podeste mit umlaufendem Geländer, auf die die Kinder selbstständig aufsteigen können. Groß und Klein sind dann beim Anziehen auf Augen­höhe.

 

KURZ GESAGT!

  • Studie: Knie­ und Rückenbelastung bei Erzieherinnen deutlich erhöht
  • Wirken optimal zusammen: ergonomische Hilfsmittel und Rückenschule
  • Mobiliar, das Kindern mehr Selbstständigkeit ermöglicht, entlastet die Fachkräfte

 

„Die Erzieherinnen-­Hocker sind im Alltag Gold wert“, sagt Christine Rönsch. Es hilft ihr, sich ab und zu daraufzusetzen, damit die Wirbelsäule gerade ist. Oder sich auf einen der Hocker mit Lehne zu setzen, um den Rücken zu entlasten. „Die Abwechslung macht’s.“ Wenn sie die Kinder doch mal hochnehmen muss, weiß sie jetzt, wie das rückenschonend funktioniert.

Außerdem gibt es im Bistro viele Hochstühle für die Kinder, damit die Erzieher und Erzieher­innen dort auch auf normalen Stühlen sitzen können. Und: Sämtliche Tische sind auf Rollen und höhenverstellbar, sodass sie individuell eingestellt und verrückt werden können.

Am höhenverstellbaren Tisch bearbeitet Kitaleiterin Theresa Erbar bequem ihre Unterlagen.

Rückengerecht arbeiten dank guter Ausstattung

Dass die Kita so gut ausgestattet ist, verdankt sie der Unfallkasse Rheinland-­Pfalz. Sie war von Anfang an bei der Planung beteiligt. Im Januar 2018 wurde die Einrichtung eröffnet. „Es wurde einfach an alles gedacht“, sagt Theresa Erbar, Leiterin der Kita. „Wir haben zehn integrative Plätze. Da die Kinder eingeschränkter sind, ist das körperlich oft anstrengender, aber auch dabei hilft uns die gute Ausstattung.“

Auch Nicole Müller weiß dies zu schätzen. Sie hatte vor zwei Jahren einen doppelten Band­scheibenvorfall. „In der alten Einrichtung saß ich fast den ganzen Tag entweder auf dem Boden, um bei den Kindern zu sein, oder zwischendurch auf den kleinen Holzstühlchen“, berichtet sie. „Das tat meinem Rücken überhaupt nicht gut.“

Erzieherin Nicole Müller muss sich nicht bücken: Die Kinder stehen auf einem Bänkchen und reichen so prima bis an die Arbeitsfläche.

Körperliche Belastungen zum Teil enorm

Diese Beispiele sind keine Einzelfälle: 60 Pro­zent der Erzieherinnen und Erzieher in Deutsch­land leiden unter Rückenschmerzen, teilweise bis hin zur Arbeitsunfähigkeit. Die Unfallkasse Rheinland-­Pfalz und weitere Unfallversicherungsträger haben genauer untersucht, welche Fehlhaltungen im Kitaalltag eingenommen wer­den, und dafür gemeinsam mit dem Institut für Arbeitsschutz Messungen mit einem speziellen Sensoranzug durchgeführt.

„Wir wollten wissen, bei welchen Tätigkeiten welche Belastungsspitzen entstehen“, sagt Bodo Köhmstedt von der Unfallkasse, der die Studie zu Ergonomie in Kitas verantwortet. Das Ergebnis: Im Schnitt nahmen die Erzieherinnen in Spielsituationen 40 Minuten lang belastende Kniewinkel ein; 18 Minuten lang war ihr Rücken zu weit vorgebeugt. „Bei diesen Belastungen sind Verspannungen, Rückenschmerzen und Knieschmerzen auf lange Sicht kaum zu vermei­den“, erklärt Bodo Köhmstedt.

Die gute Nachricht: Durch ergonomische Hilfsmittel wie in der Kita Paukenzwerge lässt sich der Anteil kniebelastender Stellungen auf 15 Minuten reduzieren und die tiefen Rumpfvor­neigungen lassen sich um ein Drittel verringern.

 

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