Erst kam die Technik, dann die Pädagogik

Seit 50 Jahren gibt es die gesetzliche Schülerunfallversicherung. Wie hat sie den Kita-Alltag sicherer gemacht? Welchen Beitrag kann sie in Zukunft leisten? Die DGUV-Experten Dr. Torsten Kunz und Georg Nottelmann erklären, wie sich die Schwerpunkte im Laufe der Zeit entwickelt haben.

Wenn Kinder nach einem Unfall in der Kita in ärztliche Behandlung müssen, sind sie gesetzlich versichert. Das klingt heute selbstverständlich. Vor 50 Jahren aber war das ganz neu und hat sicherlich auch die Unfallkassen vor Herausforderungen gestellt.

Dr. Torsten Kunz: Zunächst war das für die Unfallversicherungsträger ein ganz fremdes Gebiet. Die Präventionsabteilungen beschäftigten sich damals etwa mit Kläranlagen und Bauhöfen. Für sie war der Schutz von Kindern Neuland. Da musste man sich erst fachlich einarbeiten und Kompetenzen aufbauen.

Was waren die ersten Maßnahmen, um Kitas sicherer zu machen?

Kunz: In den Kitas sah es oft so aus: unverkleidete Heizkörper; Garderobenhaken, die in den Raum hineinstanden; Fenster mit Einfachverglasungen; Türen mit Quetsch- und Scherstellen. Alles Dinge, die bei einem Unfall zu bleibenden Schäden führen konnten. Also standen die technischen Mängel in der Anfangszeit im Vordergrund. Als man diese mit Neu- und Umbauten im Griff hatte, gab es zwar weniger schwere Unfälle, die Zahl an Unfällen blieb aber recht konstant.

Warum?

Kunz: Zu wenig Bewegung war ein Grund. Die Klagen darüber sind nicht neu. Bewegung und wie man sie sicher gestalten kann – das war in den 1990er-Jahren ein großes Thema. Bei Untersuchungen stellte man fest: Wenn schwächere Kinder motorisch fitter werden, sinken die Unfallzahlen.

Wenn man sich die Statistiken heute anschaut, könnte man meinen, dass die Maßnahmen nicht viel bewirkt haben. In den Kitas steigt die Unfallquote …

Kunz: Die steigende Tendenz hat auch damit zu tun, dass das Betreuungsangebot auf die unter Dreijährigen ausgeweitet wurde. Bei den ganz Kleinen ist die Gefahr von Stürzen besonders groß. Außerdem hat sich die Rolle der Kitas von der Halbtags- zur Vollzeitbetreuung gewandelt. Es ist ein Unterschied, ob ein Kind von 9 bis 12 Uhr oder von 7 bis 17 Uhr in der Kita ist. Je länger es dort ist, desto mehr Gelegenheiten gibt es für Unfälle. Im Verhältnis dazu sind die Unfallzahlen fast konstant geblieben.

Georg Nottelmann: Das Einfachste wäre, die Kinder in Watte zu packen. Dann wäre unsere Unfallstatistik blendend. Wir wissen aber auch, dass Kinder keine kleinen Erwachsenen sind, sondern Freiräume benötigen, um ihre Persönlichkeit zu entwickeln, um eigene Erfahrungen zu sammeln und (Risiko-)Kompetenzen aufzubauen. In diesem Spannungsverhältnis bewegt sich auch die Präventionsarbeit der gesetzlichen Unfallversicherung.

Lassen sich die Unfallzahlen denn reduzieren?

Nottelmann: Fast die Hälfte aller Unfälle in Kitas wird durch das verunglückte Kind selbst verursacht. Anders gesagt: Ein Kind fällt halt einfach auch mal hin. Oder es stößt beim Spielen mit einem anderen Kind zusammen. Kinder, gerade die unter Dreijährigen, fangen gerade an, die Welt zu erobern. Da muss man in einem gewissen Rahmen mit Unfällen rechnen.

Unfälle sind also nicht so schlimm?

Nottelmann: Man muss den Blick auf die Verletzungsschwere bei Unfällen richten. Kopfverletzungen machen mit 60 Prozent einen relativ großen Anteil aus. Aber das ist mal eine Schramme, mal eine Platzwunde. Doch gerade, wenn es den Kopf betrifft, gibt man das Kind lieber präventiv in ärztliche Behandlung. So erklären sich die Unfallzahlen.

Kunz: Unfälle mit bleibenden Schäden werden in der Statistik als Unfallrenten geführt. Da hatten wir bundesweit 2019 ganze 22 neue Unfallrenten – bei 3,8 Millionen Versicherten in Kitas und der Kindertagespflege. Wenn es zu schweren Unfällen kommt, passieren diese häufig auf dem Weg zur Kita. Verkehrserziehung ist daher etwas, das wir verstärkt im Blick haben. Selbst wenn es noch nicht voll in der Kita wirkt, wirkt es auf jeden Fall, wenn die Kinder in die Grundschule kommen.

Orientieren Sie sich bei den Präventionsmaßnahmen vor allem an den Unfallstatistiken?

Nottelmann: Unfallzahlen sind ein Indikator, aber nicht der alleinige Anlass für die Präventionsarbeit. Darüber hinaus geht es uns auch darum, arbeits- beziehungsweise bildungsbedingte Gesundheitsgefahren zu vermeiden, die sich nicht zwingend an Unfallstatistiken festmachen lassen. Die Vermeidung von Belastungen durch UV-Strahlung mithilfe von Verschattung kann als Beispiel angeführt werden. Unser Anliegen ist aber auch, dass Kindern Gefahrenkompetenzen im Umgang damit vermittelt werden.

Mit welchen Themen rechnen Sie in Zukunft?

Kunz: Corona wird uns noch eine Weile begleiten, bis es zu einer normalen, beherrschbaren Krankheit wird. Hohe Temperaturen als Folge des Klimawandels werden uns beschäftigen und die Frage der Öffnungszeiten der Kitas aufgrund zunehmender Flexibilisierung der Arbeitszeiten.

Nottelmann: Kitas sind Bildungseinrichtungen mit pädagogischen Fachkräften und anderen Beschäftigten, die genauso gesetzlich unfallversichert sind wie die Kinder. Da geht es um gute Arbeitsbedingungen, zum Beispiel um Fragen der Ergonomie oder der Raumakustik. Im Idealfall wird ein kontinuierlicher Organisationsentwicklungsprozess initiiert, mit dem der Weg zu einer guten gesunden Kindertageseinrichtung beschritten wird. Den Kindern kann es nur gut gehen, wenn es auch den Beschäftigten gut geht – und umgekehrt.

INTERVIEW MIT …

Foto: D. Buschardt

Dr. Torsten Kunz
Der Präventionsleiter der Unfallkasse Hessen schrieb seine Doktorarbeit über den Zusammenhang von Kinderunfällen und Bewegungsmangel.

Foto: privat

Georg Nottelmann
Er leitet bei der DGUV das Sachge-biet Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege. Das Sachgebiet ist dafür zuständig, Schwerpunkte für die Präventionsarbeit der Unfall-versicherungsträger im Bereich der frühkindlichen Bildung und Erziehung zu entwickeln.

Prävention im 20. Jahrhundert: So sahen die Plakate zur Unfallverhütung früher aus. Kitas spielten dabei anders als heute noch keine große Rolle.

 

ZAHLEN UND FAKTEN

Zahlen und Fakten zur Schülerunfallversicherung finden Sie unter:

www.dguv.de, Webcode: d1183331