Worum ging es bei dem Projekt konkret?
Es gab einen klaren Auftrag der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung an das wissenschaftliche Team mit dem Ziel, ein fundiertes, aber praxisnahes, beobachtungsbasiertes Verfahren zur psychischen Gefährdungsbeurteilung von unter dreijährigen Kindern in Kitas zu entwickeln. Die DGUV sah hier Handlungsbedarf, auch weil die gesetzliche Rahmenlage eine präventive Gefährdungsbeurteilung vorsieht. Für Kinder, gerade sehr junge Kinder, gab es dazu bislang keine Materialien. Bei Erwachsenen ist die Gefährdungsbeurteilung ein etabliertes Verfahren. Also haben wir uns Verfahren für Erwachsene angeschaut, aber wir mussten sie in die Welt der Kinder übersetzen. Wir wollten ein Werkzeug entwickeln, das sich gut in den Kita-Alltag integrieren lässt. Uns war außerdem wichtig, nicht nur Defizite zu sehen. In der Pädagogik arbeiten wir schließlich ressourcenorientiert. Deshalb haben wir integriert in die Gefährdungsbeurteilung immer auch die Potenziale im Blick.
Warum konzentriert sich das Instrument primär auf Kinder unter drei Jahren?
Wir wissen aus der Forschung: Je jünger die Kinder und je länger ihre tägliche Verweildauer, desto risikobehafteter ist die Situation. Schon ältere Kinder können schwer sagen, wie es ihnen geht. Für unter Dreijährige ist das noch viel schwieriger, weil sie sprachlich noch sehr begrenzte Möglichkeiten haben. Deshalb mussten wir Wege finden, wie man psychische Belastungen, die sich negativ auf das Wohlbefinden auswirken, erkennen kann.
Eignet sich das Material auch zur Qualitätsentwicklung?
Aber sicher. Wohlbefinden ist ein zentraler Faktor für pädagogische Qualität. Das Sichern von Wohlbefinden und die Entwicklung von Qualität sind miteinander verschränkt. Ich fände es schön, wenn das nicht getrennt von anderen Aspekten betrachtet würde. Das Instrument erfüllt den Auftrag einer Potenzial und Gefährdungsbeurteilung, den Auftrag des Beobachtens und eben auch den der Qualitätsentwicklung – ohne dass dies ganz deutlich genannt wird. Aber natürlich schwingt es überall mit, das wurde uns in den Workshops auch immer wieder gespiegelt. Tatsächlich waren wir von der Resonanz aus den an der Entwicklung beteiligten Kitas überwältigt. „Endlich nimmt jemand dieses wichtige Thema ernst!“, hieß es oft.
Inwieweit sind die Materialien flexibel auf verschiedene Kitas übertragbar?
Natürlich haben Einrichtungen unterschiedliche Ausgangslagen, Bedürfnisse und Bedarfe. Unser Instrument ist zwar nicht das einzige, mit dem Wohlbefinden erfasst werden kann. Wir möchten pädagogische Fachkräfte aber dazu einladen, die WoGe-Materialien auszuprobieren. Anfangs können die Teams auch nur jene Aspekte für sich nutzen, die gut für die eigene Kita passen, je nach vorhandenen Ressourcen und Bedürfnissen. Die Materialien sind so gestaltet, dass man auch mit kleinen Schritten starten kann.
Welche Rolle spielen die Träger und wie kann das Instrument Teams mit begrenzten Ressourcen helfen?
In erster Linie sind die Träger für die Durchführung von Gefährdungsbeurteilungen verantwortlich. Obwohl die Materialien kostenfrei zur Verfügung stehen, wäre eine Unterstützung durch die Träger, etwa durch die Finanzierung von Weiterbildungen oder durch Entlastung, ideal. Wenn Teams das Instrument nutzen, kann es zudem die Diskussion mit dem Träger auf eine professionellere Ebene heben. Statt nur subjektiv zu klagen, dass etwas stört, kann das Team aufzeigen, dass das Wohlbefinden der Kinder beeinträchtigt ist, was der Argumentation eine andere Gewichtung verleiht.
Foto: privat
Marianne Rölli Siebenhaar ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Arbeitsbereich Pädagogik der frühen Kindheit an der Universität Leipzig. Unter der Leitung von Prof. Dr. Susanne Viernickel hat sie im von der DGUV geförderten WoGe-Projekt gearbeitet.
































