Nicht in Watte packen

Auf Bäume klettern, über wackelige Stämme balancieren, ein Feuer machen. Im geschützten Rahmen können und sollen Kinder potenziell riskante Situationen meistern lernen. Kitas können viel dazu beitragen.

Kitas sind ein sicherer Ort. Hier passieren vergleichsweise wenige Unfälle. Das liegt natürlich auch daran, dass die Ansprüche an Sicherheitsstandards in Kindertagesein­richtungen besonders hoch sind. Und trotz­dem ist es wichtig, Kinder nicht vollständig in Watte zu packen und etwa jede Stolperstelle auf dem Außengelände zu ebnen. „Eine völlige Vermeidung von Gefahren ist der falsche Weg und gaukelt Sicherheit nur vor“, erklärt Dr. Torsten Kunz von der Unfallkasse Hessen. Er hat sich intensiv mit der Sicherheitsförde­rung bei Kindern auseinandergesetzt und auch die Rolle der Kitas dabei bewertet. Seine Über­zeugung: „Es gehört zur gesunden Entwicklung eines Kindes, dass es sich einschätzbaren Risiken aussetzt.“ Die Kita ermöglicht dies den Kindern wohldosiert, im Schutz der Erwachse­nen und so, dass sie keine gesundheitlichen Schädigungen zu befürchten haben, wenn es mal schiefgeht.

 

KURZ GESAGT!

  • Kitas können Kindern Risikokompetenzen vermitteln
  • Motorische, sensorische und kognitive Fähigkeiten lassen sich spielerisch fördern
  • Wichtig: Regeln und Hinweise kindgerecht formulieren

 

Sicherheit spielend trainieren

Denn natürlich sind gewisse körperliche und kognitive Voraussetzungen nötig, damit Kinder Gefahren überhaupt erkennen und angemessen reagieren können. Der Förderung motorischer und sensorischer Fähigkeiten kommt deshalb eine besondere Bedeutung zu.

Motorisch sichere Kinder verunfallen in der Regel weniger oft und mit weniger schlimmen Folgen. Durch geeignete Spiele lässt sich hier viel erreichen. „Ob nun Kraft, Schnelligkeit, Geschicklichkeit, Gleichgewicht oder Koordina­tion geübt werden soll: Versuchen Sie die Spiele abwechslungsreich und damit attraktiv zu halten“, empfiehlt Dr. Kunz. Da manche Spiele jüngere Kinder noch überfordern, sollte man für diese Runden möglichst entwicklungsmäßig ähnliche Kindergruppen zusammenstellen.

Nicht nur was die Motorik angeht, müssen die Fachkräfte unterscheiden. „Ein Dreijähriger etwa kann nur solche Gefahren verstehen, die er schon kennengelernt hat, die einen konkre­ten Bezug zu ihm haben“, erklärt der Experte. „Abstrakte Gefahren wie Elektrizität begreifen auch die älteren Kinder noch nicht. Hier hilft erst mal nur ein klares ‚Nein!‘, bei den Vorschul­kindern kann man das Verbot dann begründen.“ Für dieses Vermeidungslernen sind ein­heitliche Regeln in Kindertages­einrichtung und Elternhaus not­wendig. Kohärente Signale von den erwachsenen Bezugsperso­nen sind extrem wichtig, denn: „Kinder lernen am besten durchs Nachahmen“, verdeutlicht Dr. Kunz. „Wenn die Erzieherinnen betonen, dass bestimmte Dinge gefährlich sind, etwa auf Socken durchs Treppenhaus flitzen, die Kinder solch ein Verhalten aber bei den Eltern beob­achten, dann ist das ein Problem.“ Man dürfe den Einfluss des Verhaltens der „Modelle“ nicht unterschätzen. „Treffen Sie Absprachen im Team und im Rahmen von Elternabenden“, lautet der Tipp des Experten.

Wie sag ich’s dem Kinde?

Am besten können sich Kinder Regeln und Hin­weise dann merken, wenn sie oft und im glei­chen Wortlaut wiederholt werden. „Es hilft auch, den Kindern gegenüber zu betonen, dass das Gesagte gemerkt werden soll, und sie die Regel in eigenen Worten formulieren zu lassen“, sagt Dr. Torsten Kunz. Kleine Kinder sind noch nicht in der Lage, bestimmte sprachliche Satzkon­struktionen zu dechiffrieren. Sie hören das Gesagte, können aber nichts damit anfangen. Sätze mit „nicht“ sollte man vermeiden. Kinder überhören das „nicht“ nämlich schlicht. „Versuchen Sie, positiv zu for­mulieren. Statt: Lauf nicht so schnell! – Geh langsamer.“ Auch bei Passivkonstruktionen und Redewendungen haben Kinder Probleme, die eigentliche Information herauszufiltern. Für Torsten Kunz ist jedoch die entscheiden­de Botschaft: „Sicherheitsförderung erfolgt nicht für die Kinder, sondern mit ihnen. Des­halb darf sie nicht von anderen pädagogischen Maßnahmen losgelöst, sondern sollte in den Alltag – und dort am besten in altersgerechte Spiele – eingebunden sein.“ Damit aus kleinen Forscherinnen und Forschern risikobewusste Erwachsene werden.

 

Zur vertiefenden Lektüre empfiehlt sich die Broschüre „Sicherheit fördern im Kindergarten“, die nur noch als PDF verfügbar ist:

https://kurzelinks.de/0d77