Sich bewegen heißt, sich entfalten

Bewegungsförderung nach Elfriede Hengstenberg basiert darauf, dass sich Kinder mit Hilfe einfacher Materialien selbst ausprobieren können. Das fördert die Motorik und das Selbstbewusstsein. In der Kita „Pfiffikus“ gehört das fest zum Konzept der Einrichtung.

„Setzt euch bitte in den Kreis, wir wollen anfangen“, Erzieherin Juvi Schubert klatscht in die Hände und ruft die Kinder zusammen, die barfuß im Mehrzweckraum herumtoben. In der Kneipp-Kita „Pfiffikus“ im brandenburgischen Petershagen findet täglich eine Spiel- und Bewegungsstunde nach dem Hengstenberg-Konzept statt. Freitag ist für die Kinder der Gruppe 5 „Hengstenberg-Tag“. Maximal acht Jungen und Mädchen können mitmachen.

„Wir beginnen jede Stunde damit, uns an fünf Regeln zu erinnern“, erklärt Juvi Schubert. Die Kinder zählen auf

  • Wir turnen barfuß.
  • Je Gerät ein Kind.
  • Nicht motzen und meckern.
  • Nicht schubsen und drängeln.
  • Jeder bestimmt sein Tempo selbst.

Dann entscheiden sie, was sie spielen möchten und welche Materialien gemeinsam aufgebaut werden. „Manchmal verwandelt sich der Raum in einen Dschungel, in dem sich wilde ,Tiere‘ auf dem Boden unter den kleinen Holzhockern hindurchschlängeln“, sagt Juvi Schubert. Heute bauen sie eine Berglandschaft aus Leitern, einem Rutschbrett und verschiedenen Bodenelementen auf. Und schon klettern, balancieren und krabbeln die Kinder im Raum umher.

 

KURZ GESAGT!

  • Hengstenberg-Materialien laden zum Ausprobieren ein
  • Die Kinder sollen selbstständig agieren
  • Sie lernen, ihre Fähigkeiten und Grenzen einzuschätzen
  • Bewegung und Vertrauen werden geschult

 

Die Kita „Pfiffikus“ hat 2015 an einem Projekt der Unfallkasse Brandenburg teilgenommen, bei dem ausgewählte Kitas die Hengstenberg-Materialien ein Jahr lang ausprobieren und später übernehmen konnten. Die Erzieherinnen und Erzieher wurden entsprechend geschult, beobachteten die Kinder in ihrem Spiel, fertigten Entwicklungsdokumentationen an und reflektierten sich selbst und ihre Arbeit. „Wir haben unter anderem gelernt, die Kinder machen zu lassen und nicht immer gleich ins Spielgeschehen einzugreifen“, erinnert sich Juvi Schubert.

Trotzdem fällt ihr genau das manchmal schwer. Zum Beispiel, als ein Junge sich nicht traut, die Leiter ganz oben zu über steigen. Er kehrt immer wieder um und klettert zurück. Schließlich balanciert er über die Stange neben der Leiter und erreicht so auf eigene Weise die nächste Station. „Wir neigen dazu, die Kinder behüten zu wollen und ihnen bei der Lösung ihrer Probleme behilflich zu sein. Oder wir spornen sie zu Leistungen an, zu denen sie vielleicht noch gar nicht bereit sind“, so die Erzieherin selbstkritisch. Kleine Unfälle können passieren und werden mit den Kindern besprochen. „Wenn sie wissen, warum etwas schiefgeht, können sie besser mit Gefahren umgehen.“ Bei dem Konzept geht es darum, die Mädchen und Jungen so selbstständig wie möglich agieren zu lassen. Dabei bekommt jedes Kind die Zeit, die es für seine Entwicklung braucht.

 

ELFRIEDE HENGSTENBERG

Die Berliner Gymnastiklehrerin Elfriede Hengstenberg (1892–1992) entwickelte in den 1920er Jahren eine Bewegungspädagogik, die Kinder ganzheitlich in ihrer Lebenswirklichkeit wahrnimmt. Dabei leben die Kinder mit Hilfe von einfachen Holzgeräten ihre Experimentierfreude aus und beschäftigen sich selbstständig mit den Materialien. Im freien Spiel sollen sie sich aus eigenem Antrieb ent wickeln und reifen.

 

Grenzen besser einschätzen

Eine Viertelstunde vor dem Ende der Stunde beendet Juvi Schubert die Spielzeit und alle räumen gemeinsam auf. Danach gibt es noch eine Schlussrunde. Die Kinder erzählen, was ihnen gefallen und was nicht so gut geklappt hat.

Ein wichtiger Grundsatz der Hengstenberg-Stunde: Die Kinder werden nicht zum Nachahmen vorgegebener Übungen animiert, sondern probieren sich selbst mit Hilfe der Materialien aus. Das Konzept geht auf die Gymnastiklehrerin und Pädagogin Elfriede Hengstenberg zurück. Demnach ist Bewegung im freien Spiel ein wichtiger Baustein für die psychomotorische Entwicklung der Kinder.

„Sich bewegen heißt, sich zu entfalten“, bringt es Kita-Leiterin Beatrice Smith auf den Punkt. Die Kinder setzen sich mit ihrer Umwelt auseinander und lernen gleichzeitig, sich selbst in ihren Fähigkeiten und ihren Grenzen besser einzuschätzen. In der Kita „Pfiffikus“ fällt immer wieder auf, dass auch die Entwicklung im sozialen und sprachlichen Bereich dadurch positiv beeinflusst wird. „Sie lernen sich abzusprechen, dürfen nicht drängeln und müssen manchmal wirklich Geduld haben“, erklärt Beatrice Smith.

Da sich Kinder in ihrem Alltag immer weniger gefahrlos frei bewegen können, werden Spielstunden wie die in der Kita „Pfiffikus“ immer wichtiger. Denn aus Bewegungsmangel können Probleme wie Bewegungs- und Verhaltensauffälligkeiten sowie Konzentrations- und Wahrnehmungsstörungen entstehen. Beim gemeinsamen Spiel in der Hengstenberg-Stunde kann ein bisschen von dem nachgeholt werden, was im bewegungsarmen Kinderalltag fehlt: Die Freude an der Bewegung und das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten!

 

DAS SPIELMATERIAL

Klassische Hengstenberg-Materialien sind zum Beispiel Leitern, Hocker, Matten, Rutsch- und Wackelbretter und Bodenelemente, wie Vierkant- oder Kippelhölzer. Alle Materialien sind aus Holz. Es gibt sehr große Geräte, wie das Fünfstangenklettergerät. Die Bodenelemente sind klein und flexibler einsetzbar. Alle haben einen hohen Aufforderungscharakter: Sie laden zum Bauen, Klettern, Balancieren und Kriechen ein.

 

BUCHTIPP

Michael Peter Fuchs: „Hengstenberg Spiel- und Bewegungspädagogik“ (2018). Herder Verlag, 20 €