Drei Kinder spielen mit bunten Kugeln, die mit Begriffen wie Krankenhaus oder Einhorn beschriftet sind, die an einem Baum aufgehängt werden.

PartizipationAm Wunschbaum wächst die Selbstwirksamkeit

In der Kita Jenzigblick in Jena bringen Kinder ihre Interessen ein und entscheiden von Anfang an mit. Partizipation ist hier eine Haltung – und die bedeutet für Fachkräfte, sich selbst auch mal zurückzunehmen und Kontrolle abzugeben.

kurz & knapp

  • Partizipation stärkt Kinder in ihrer Entwicklung.
  • Fokus auf Interessen erhöht die Lernmotivation.
  • Fachkräfte begegnen den Kindern auf Augenhöhe.

Das Bäumchen im Garten der Kita Jenzigblick ist klein. Für die Kinder hat es aber eine große Bedeutung. Denn es ist ihr Wunschbaum. An seinen Ästen hängen runde, bunte Karten mit Zeichnungen und Beschriftungen: „Dschungel“, „Raumschiff“ oder „Polizeistation“. Und so wird im Laufe des Jahres aus dem Rollenspielraum eben ein Dschungel mit vielen Pflanzen, einer Sandecke und kleinen Steinen. Bis die Kinder keine Lust mehr darauf haben. Dann wird der nächste Wunsch erfüllt.

Fokus liegt auf Stärken und Interessen der Kinder

Die AWO-Kita mit 20 Beschäftigten und 120 Betreuungsplätzen arbeitet nach dem Early-Excellence-Ansatz (EEC). „Er basiert auf einer positiven Grundhaltung, die die Stärken und Interessen der Kinder in den Vordergrund stellt“, erläutert Kitaleiterin Antje Trommer. „Dazu gehört auch, dass wir die Kinder ermutigen, ihren Alltag bei uns selbstbestimmt zu gestalten.“

Das beginnt schon ganz niederschwellig beim Ankommen. Die Kinder haben die Wahl: Möchte ich erst frühstücken? Und greife ich dann am Büfett zu Gemüse, Obst oder Brot? Oder möchte ich vielleicht lieber vor dem Essen mit den Bausteinen spielen?

Gleichzeitig gibt es bewusst gestaltete Formen der Beteiligung. Dazu gehören „Interviews“ zwischen einer Fachkraft und einem Kind. In diesen Einzelgesprächen werden Interessen und Wünsche der Kinder erfragt und zu zweit umgesetzt. Das kann das Nähen eines Puppenkleides oder ein Ausflug in den botanischen Garten sein. „Wir wollen die Kinder stark machen“, bringt es Trommer auf den Punkt. „Indem wir ihre Interessen aufgreifen, erleben die Kinder Selbstwirksamkeit. Und es steigert auch ihre Lust zu lernen.“

Meinung der Kinder hat Gewicht

Eine Gesprächskultur auf Augenhöhe mit den Kindern zu entwickeln, ist eine der Herausforderungen für die pädagogischen Fachkräfte. „Wir lassen die Kinder ausreden und achten darauf, dass sie sich gegenseitig ausreden lassen“, verdeutlicht Trommer. Kleine Bezugsgruppen sorgen dafür, dass auch ruhige, zurückhaltende Kinder wahrgenommen werden. Die Haltung ist klar: Wir hören die Meinung der Kinder und nehmen sie ernst. Wenngleich Partizipation natürlich nicht bedeutet, dass die Kinder alles bekommen, was sie wollen.

Auch Konflikte werden gemeinsam angepackt. Beispiel: Zwei Kinder streiten um ein Spielzeug. Dann schlüpfen die pädagogischen Fachkräfte in die Moderatorenrolle. „Beide Kinder schildern das Problem, ihre Sichtweise und welche Gefühle sie dabei haben“, veranschaulicht Erzieherin Steffi Zulauf. So lernen sie, wie man sich in andere hineinversetzt und Kompromisse eingeht. Schritt für Schritt zur gewaltfreien Kommunikation. „Am Ende suchen sie gemeinsam eine Lösung und setzen sie um. Wir üben das einmal in der Woche mit den Kindern und versuchen es im Alltag dann auch so zu handhaben“, sagt Zulauf.

Demokratisches Prinzip: Die Mehrheit entscheidet

Ein fester Anker ist der Bezugserziehertag. Jeden Freitag planen die Kinder gemeinsam mit ihren Fachkräften den Tag: Ballspielen, Basteln oder ein Spaziergang? „Wir stimmen in der Gruppe mit Handzeichen über die Ideen ab. Die mit den meisten Stimmen setzen wir um. Ganz demokratisch“, veranschaulicht Zulauf. Dabei lernen Kinder, die Entscheidungen einer Gemeinschaft zu akzeptieren – auch wenn ihre Idee vielleicht nicht gewonnen hat.

Die Ideen ufern selten aus. Eine Wasserrutschbahn? Klar, die hat die Kita am kleinen Hang auf dem Außengelände schon mal eingerichtet. Schwimmbadbesuche? Hin und wieder möglich. Aber eben nicht zu oft, weil es organisatorisch anspruchsvoll und außerdem eine Kostenfrage ist. Ein Einhorn? Okay, das geht nun wirklich nicht. Aus Gründen. Und die vermitteln sie den Kindern altersgerecht – auch bei anderen Wünschen, die sich nicht umsetzen lassen. „Wenn die Kinder verstehen, warum etwas nicht möglich ist, können sie auch gut damit leben“, sagt Trommer.

Gemeinsames Verständnis als Ausgangspunkt

Als Kitaleiterin achtet sie auf ein gemeinsames Verständnis von Mitbestimmung, auch um Unsicherheiten in der Belegschaft zu begegnen. Weiterbildungen, Mentorenprogramme sowie kleinere und größere Teamgespräche helfen dabei. „Reflexion und ein offener Erfahrungsaustausch sind wichtig“, sagt Trommer. „Wir lernen als Team ständig dazu und wachsen daran.“

Für Fachkräfte bedeutet Partizipation, sich zurückzunehmen, auch mal Kontrolle abzugeben und nicht starr auf eigenen Plänen zu beharren. Stattdessen rücken die Interessen und Bedürfnisse der Kinder in den Mittelpunkt. Am Wunschbaum sind sie täglich sichtbar. Als ein Zeichen dafür, dass Kinder ihre Kita wirksam mitgestalten.