Ein Jahr ändert alles

Wie können Kinder im letzten Kita-Jahr altersgerecht gefördert werden? Wie bereiten die pädagogischen Fachkräfte sie auf ihre neue Rolle in der Grundschule vor? Ein Interview mit Kita-Coach Peggy Bresnik.

Viele Fähigkeiten erlernen Kinder nebenbei im Umgang mit Anderen. Macht es da überhaupt Sinn, im letzten Kinder­gartenjahr gezielt Angebote für die Großen zu machen?

Jein. Viele Dinge entwickeln sich im Alltag, das stimmt. Dennoch finde ich es gut, eine besondere Ansprache für die Großen zu finden. Sie sollen sich als eigene Gruppe verstehen und Rituale entwickeln. Das stärkt die Kompetenzen des Einzelnen und die Sozialkompetenzen in der Gruppe. Kinder lernen am besten in der Peergroup also unter sich. Sie brauchen Gleichaltrige, um sich gemeinsam auf den neuen Lebensabschnitt vorzubereiten.

Welche Projekte eignen sich dafür?

Da gibt es viele Möglichkeiten: Wenn es ein Kinderparlament in der Kita gibt, kann die Gruppe der Vorschulkinder hier besondere Aufgaben wie Schriftführung, Themensammler oder Ähnliches übernehmen. Es können aber auch Treffen sein, in der die Themen der Kinder besprochen werden, die sie besonders interessieren, oder eine Philosophiegruppe, ein Bücherclub … Mit solchen Projekten erlernen die Vorschulkinder neben der Sprachfähigkeit auch soziale Fähigkeiten, wie die anderen Kinder ausreden lassen, abweichende Meinungen akzeptieren und die eigene Konfliktfähigkeit erproben. Unabhängig von speziellen Angeboten kann man die Vorschulkinder vermehrt bei kleinen Aufgaben einsetzen: Sie können Essenspläne aufmalen, Umfragen unter den Kindern starten oder kleine Besorgungen erledigen. Das stärkt ihr Selbstvertrauen.

Was müssen Vorschulkinder schon wissen?

Kinder, die von aufmerksamen Erzieherinnen und Erziehern in einer gut gestalteten Umgebung, mit viel freier Zeit zum Spielen und anderen Kindern betreut werden, sind grundsätzlich gut auf die Schule vorbereitet.

Trotzdem interessieren sich viele Vorschulkinder schon für Buchstaben und Zahlen …

Darauf kann man selbstverständlich eingehen. Aber dafür die Kinder keine Übungsblätter lösen lassen. Stattdessen alles immer in den Alltag einbinden. Die Vorschulgruppe kann zum Beispiel eine Fotosafari machen. Dabei können die Kinder alles fotografieren, worauf sie einen bestimmten Buchstaben erkennen. Was den Kindern in diesem Zusammenhang auch hilft, ist, Dinge selbst verschriftlichen zu können in Form von Piktogrammen und Symbolen. Damit sie sich nicht nur verbal ausdrücken können, sondern auch schriftlich.

Aus Ihrer Erfahrung heraus: Welche Themen beschäftigen die Vorschulkinder noch?

Alle Herausforderungen, die neu auf sie zukommen. Darauf sollten sie vorbereitet und in der Lage sein, Lösungsstrategien zu entwickeln. Das kann sein: Wie verläuft mein Schulweg? An welcher Bushaltestelle und welchem Supermarkt führt er vorbei? Überhaupt hilft es, viel in der näheren Umgebung unterwegs zu sein. Viele interessieren sich für die eigene Adresse, Hausnummer, Telefonnummern von Notrufen oder von der Oma. Wichtiger als abstraktes Wissen ist die Einschätzung der eigenen Stärken und Selbstvertrauen – zu lernen, wo bekomme ich Wissen her, wie funktioniert eine Bibliothek, ein Nachschlagewerk, das Arbeiten mit Karteikarten. Also, wo kann ich mir Wissen besorgen. Dafür eignet sich eine Raumgestaltung, in der die Kinder selbstständigen Zugang zu Medien haben, und das Einrichten von Kinderbüros, in denen das Experimentieren mit Buchstaben, Schrift und Zahlen und der Umgang mit Schulmaterialien selbstständig erprobt werden kann.

Wie können Erzieherinnen und Erzieher den Kindern den Übergang von der Kita in die Grundschule noch erleichtern?

Durch Langsamkeit, Rituale und Begleitung. Mit Langsamkeit ist ein behutsamer Übergang gemeint, der den Kindern die Möglichkeit gibt, sich ihrem eigenen Tempo entsprechend auf die neue Situation einzustellen. Dabei helfen Kooperationen mit den aufnehmenden Grundschulen. Dann können sich die Kinder schon einmal das Schulgebäude und den Schulhof anschauen und die Lehrkräfte kennen lernen. Auch die Eltern sollten früh genug eingebunden werden, damit sie sich auf den neuen Lebensabschnitt ihrer Kinder und ihre veränderte Rolle als Eltern von Grundschülern vorbereiten können. Dafür eignet sich ein Informationsabend, wenn die Kinder in die Vorschulgruppe kommen. Die Rituale habe ich schon erwähnt. Das sind gemeinsame Projekte, die zeigen: „Wir sind die Großen, wir treffen uns regelmäßig.“ Die Kindergartenübernachtung, das Schultütenbasteln oder das Abschiedsfest gehören natürlich auch dazu.

Was verstehen Sie unter der Begleitung der Vorschulkinder?

Das ist ein ganz wichtiger Punkt: Die Erzieherin oder der Erzieher begleitet die Kinder als sichere Bezugsperson, mit der die Kinder über ihre Anliegen und Ängste sprechen können. Dabei gilt es, Kinder konsequent ernst zu nehmen und sie zu stärken. Auf dieser Grundlage ist es möglich, eine Balance zu schaffen  zwischen sie alleine machen lassen und in der Nähe sein, wenn Unterstützung gebraucht wird.

Sie haben die Ängste angesprochen. Wie kann man den Kindern diese nehmen?

Die pädagogischen Fachkräfte sollten in den Vorschulgruppen die Themen offen ansprechen und Fragen stellen: Was kommt Neues auf euch zu? Worauf freut ihr euch? Was macht euch Angst? Ich glaube, es ist sehr wichtig, nicht immer vom „Ernst des Lebens“ zu sprechen, sondern Kinder dabei zu unterstützen, zu ihren Gefühlen zu stehen und diese ausdrücken zu können. So wird ihre Resilienz gestärkt und sie wissen, dass sie vieles alleine bewältigen können. Das Motto: Vieles wird anders, aber ich freue mich drauf und krieg das schon hin!

Wir haben viel über die kognitive Entwicklung gesprochen. Ändert sich zu dieser Zeit auch motorisch etwas?

Sehr viel, sowohl in der Grob- als auch in der Feinmotorik. Die Kinder bekommen einen größeren Radius, vor allem die Jungs sind oft sehr körperbetont. Sie brauchen einen Rahmen zum Rangeln und Auspowern, aber mit Regeln und Grenzen.

Sie geben Kurse über die Entwicklungsphasen von Vorschulkindern. Mit welchen Fragen werden Sie in der Praxis konfrontiert?

Oft mit den Erwartungen der Eltern, was die Schulfähigkeit ihrer Kinder angeht. Etwa: Wann lernen die Kinder, still zu sitzen und Hefte zu führen? Viele haben eine veraltete Vorstellung von der Schule. Wichtig ist zu zeigen, dass wichtige Grundlagen im Kita-Alltag gelegt werden. Denn das Fundament muss stimmen: Die Kinder müssen wissen, es ist nicht schlimm, wenn sie etwas nicht können. Aber sie sollten kommunikationsfähig und konfliktfähig sein. Die Schule darf nicht angstbeladen sein. Stattdessen muss die Botschaft lauten: Du schaffst das. Ein toller neuer Lebensabschnitt fängt an.

Peggy Bresnik, Foto: Stefan Krapf

Interview mit Peggy Bresnik. Sie hat als Erzieherin und in der Kita-Leitung gearbeitet. Heute ist sie Coach und Referentin im Bereich der Frühpädagogik.