Eine Erzieherin und fünf Kinder sitzen in der Turnhalle der Kita.

Eine Kita für alle

Wie machen sich Kitas auf den Weg zur Inklusion? Welche Hürden gibt es und wo finden pädagogische Fachkräfte Unterstützung? Ein Interview mit Pädagogin und Supervisorin Anne Groschwald.

Vor welchen Herausforderungen stehen Kitas bei der Inklusion?

Inklusion bedeutet, dass jedes einzelne Kind an gemeinschaftlichen Aktivitäten teilhaben und diese mitgestalten kann. Als Pädagogin muss ich also offen dafür sein, wirklich alle Kinder in meiner Einrichtung willkommen zu heißen. Das klingt zunächst selbstverständlich, im Alltag kann es mir aber zum Beispiel leichter fallen, ein Kind mit einem Hörgerät aufzunehmen als ein Kind mit einer Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung.

Was, wenn pädagogische Fachkräfte vor dieser Aufgabe zurückschrecken?

Es ist normal, sich zu fragen: Kann ich mir das überhaupt vorstellen? Selbstreflexion gehört zu jeder Pädagogin und jedem Pädagogen als wichtige Ressource dazu. Erstaunlich viele haben bereits persönliche – gute und weniger gute – Erfahrungen mit verschiedenen Formen der Behinderung gemacht. Diese Erfahrungen müssen im Team diskutiert werden. Und wenn jemand noch nicht so weit ist, muss er das benennen dürfen. Man darf zur Inklusion auch Nein sagen. Inklusion funktioniert nicht, wenn sie übergestülpt wird. Eine inklusive Kindertagesstätte zu werden, ist ein Prozess. Es braucht eine erfahrene Leitung, die das Thema gemeinsam mit dem Team erarbeitet.

Wie verändert sich die pädagogische Arbeit?

Wenn man bereits zuvor den Anspruch hatte, individuell auf jedes Kind einzugehen, dürfte sich die Arbeit nicht grundsätzlich ändern. Aber je nachdem, welches Kind ich aufnehme, muss ich den Raum anpassen, zum Beispiel damit das Kind die Spielsachen erreichen oder alleine auf die Toilette gehen kann. Insgesamt gilt, das Kind nicht überzubehüten, sondern es genauso zu fördern und zu fordern wie alle anderen. Meine Erfahrung zeigt: Inklusion ist eine Herausforderung, aber auch eine große Bereicherung.

Wie genau profitiert denn die Krippe oder Kita?

Kinder leben uns vor, ganz selbstverständlich miteinander umzugehen. Gerade habe ich es wieder erfahren: Ein kleines Mädchen in einer Krippe brauchte viel Hilfe beim Laufen. Als sich die Pädagoginnen und Pädagogen noch fragten, wie sie ihre Betreuung gestalten sollten, haben die anderen Krippenkinder das Mädchen einfach mitgenommen, ihm Sachen gebracht oder auch klar gesagt: „Das kann die noch nicht.“ Kinder nehmen uns Erwachsenen die Scheu. Ich persönlich habe gelernt, mich viel mehr zu trauen und den Kindern viel mehr zuzumuten. Auch den Eltern wird oft ein anderer Blickwinkel aufgezeigt.

Wann stößt Inklusion an Grenzen?

Zum einen, wenn der Personal-Kind-Schlüssel oder die räumlichen Bedingungen nicht ausreichen. Die übergeordnete Verantwortung dafür liegt beim Träger. Es bedarf jedoch auch eines hohen Engagements der Leitung, die dem Träger die Situation und den Bedarf ganz offen darstellen sollte.

Zum anderen kann eine Grenze entstehen, wenn die Eltern des Kindes mit besonderen Bedürfnissen nicht offen sind, einem also nicht alle Informationen geben, die man für eine gute Erziehungspartnerschaft braucht. Die Einrichtung muss wissen, auf was sie sich einlässt. Wichtig ist auch, die Erwartungen der Eltern abzuklären, die oft sehr hoch sind.

Auch die Eltern der anderen Kinder haben Erwartungen.

Richtig. Und sie können Vorurteile oder Ängste haben, dass die Erzieherinnen und Erzieher zum Beispiel weniger Zeit für das eigene Kind haben werden.

Wie kann man diesen Ängsten begegnen?

Durch Transparenz. Indem man ins Gespräch kommt. Gute Erfahrungen habe ich damit gemacht, dass sich die Eltern des Kindes mit besonderen Bedürfnissen den anderen Eltern vorstellen. Das kann zu mehr Verständnis beitragen. Man darf aber nicht vergessen: Es gibt aber auch viele Eltern, die sich ganz bewusst für eine inklusive Einrichtung entscheiden.

Wo finden Einrichtungen Unterstützung bei dem Prozess der Inklusion?

In vielen Städten gibt es Fachberatungen und sonderpädagogische Beratungsstellen. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollten sich laufend fortbilden. Dazu gehören Supervision und ein Austausch unter Kolleginnen und Kollegen. Man kann auch Kontakt zu anderen Einrichtungen aufnehmen, die Inklusion bereits leben. Ein Netzwerk aufzubauen, ist eine wichtige Grundlage. Ich muss wissen, wer ein Kind medizinisch und therapeutisch behandelt und betreut, um mich bei Fragen und Verunsicherung austauschen und abstimmen zu können. Schon ein paar Tipps können die tägliche Arbeit erleichtern.

Interview mit Anne Groschwald. Sie ist Erzieherin, systemische Beraterin, Supervisorin und Autorin des Sachbuches „Inklusion in Krippe und Kita“.