Illustration einer stürzenden Person neben bunten Bausteinen.

SRS-Unfälle als unterschätzte GefahrVorsicht, Stolperfalle!

Viele Unfälle in der Kita entstehen durch Stolpern, Rutschen oder Stürzen. Technische Maßnahmen, gute Organisation und Kommunikation helfen, sie zu vermeiden.

Etwa jeder dritte Unfall in der Kita ist einer aus der Kategorie SRS – Stolpern, Rutschen oder Stürzen. Dabei ließe sich ein großer Teil davon durch technische Maßnahmen sowie gute Organisation und Kommunikation vermeiden, wie Präventionsexperte Thomas Weber erklärt.

kurz & knapp

– Häufigste Sturzursachen: Kinder, Spielzeug, schlechte Wege und Böden.
– Technische und organisatorische Maßnahmen schaffen Abhilfe.
– Bewusstsein für SRS-Unfälle durch Besprechungen schaffen.

SRS-Unfälle, also Stolpern, Rutschen oder Stürzen, sind in Kitas mit Abstand die häufigsten Arbeitsunfälle. Thomas Weber weiß, dass Kitas das Thema dennoch erstaunlich selten bewusst wahrnehmen. Der Präventionsexperte der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) besucht als Aufsichtsperson regelmäßig Einrichtungen und kennt die wiederkehrenden Muster. „SRS-Unfälle passieren da, wo es eng und unübersichtlich wird“, sagt Weber. „Und das ist in Kitas häufig der Gruppenraum.“

Unfälle im Innenbereich

Die meisten Unfälle im Innenbereich ereignen sich, wenn pädagogische Fachkräfte über Kinder oder über Spielmaterial, das im Weg liegt, stürzen. Eine typische Situation, die gefährlich werden kann: Eine Erzieherin trägt ein Kind auf dem Arm und übersieht ein vor ihr auf dem Boden spielendes Kind. „Sie stolpert und stürzt, was im schlimmsten Fall zu Verletzungen bei ihr selbst und bei beiden Kindern führen kann“, veranschaulicht Weber.

Unfälle im Außenbereich

Während im Innenbereich oft die Dynamik des Kita-Alltags das Problem ist, liegen die Ursachen auf dem Außengelände eher im rutschigen Rasen oder in Stolperkanten rund um Spielgeräte. Probleme bereiten auch Gehwege: aufgewölbte Pflastersteine, kleine Löcher oder Wurzeln, die aus dem Boden ragen. Viele dieser Gefahren bleiben über Monate bestehen, weil Reparaturen Zeit, Budget und Abstimmungen erfordern. „Ich sehe manchmal dieselbe Stolperstelle über Wochen hinweg, und jede Woche fällt jemand anderes darüber“, erzählt Weber. „Das ist frustrierend – und vermeidbar.“ Einfache Sofortmaßnahme: kritische Stellen gut sichtbar markieren, bis sie repariert werden können.

Oberste Prämisse: Wege frei halten!

Lösungen für organisatorische Probleme zu finden, geht meist schneller. Wichtigster Punkt: Alle Wege, auf denen sich Menschen in der Kita bewegen, müssen frei sein – insbesondere natürlich Flucht- und Rettungswege. Ein Augenmerk sollte auf dem Bodenbelag liegen: Trittsicher und rutschhemmend sollte er sein, und zwar überall. Doch oft dienen zum Beispiel – insbesondere in Übergangsbereichen – lose Teppiche als Fußmatten und rutschen dann beim Betreten weg. Außerdem sollten Kitas darauf achten, vor allem Übergangsbereiche sowie die Gehwege sauber zu halten und zu reinigen. Denn nicht nur Schnee und Eis sind gefährlich. Beispielsweise ist Sand auf glattem Steinboden bei trockenem Wetter eine tückische, weil äußerst rutschige Kombination.

Alltagsbeispiele schärfen das Bewusstsein

Eine wichtige Frage für Leitungen lautet: Wie sensibilisiere ich mein Team dafür, ohne Angst zu schüren? Weber rät zu einer wertschätzenden Kommunikation, die das Problem benennt, aber lösungsorientiert bleibt. „Es reicht oft aus, ein konkretes Beispiel aus dem Alltag zu erzählen: ‚Gestern bin ich fast über die Bausteine gefallen. Lasst uns mal schauen, wie wir die Wege frei halten können.‘ So entsteht Bewusstsein, ohne mit erhobenem Zeigefinger zu arbeiten.“ Regelmäßige kurze „Sicherheitsrunden“ im Team – einmal durchs Haus gehen, gemeinsam hinschauen – sorgen zudem für einen wachen Blick.

Auch Kinder lassen sich einbeziehen. So sollten etwa ihre Spielsachen feste Plätze haben. Aufräumrituale helfen, dass diese auch genutzt werden. „Kinder lernen, warum Aufräumen wichtig ist“, sagt Weber. „Spätestens wenn sie selbst mal gestolpert sind.“ Ordnungsspiele, Aufräumlieder oder gemeinsam gestaltete Warnschilder im Außenbereich fördern nicht nur Sicherheit, sondern auch Partizipation und Verantwortungsgefühl.

Besprechung von Beinaheunfällen erhöht die Sicherheit

Verantwortung tragen auch Kitaleitungen an der Schnittstelle zwischen Träger und Team. Die rechtliche Pflicht zur Gefährdungsbeurteilung liegt zwar beim Träger, aber die Umsetzung ist ohne die Leitung kaum denkbar. Weber empfiehlt, Arbeitssicherheit als festen Bestandteil der Teamkultur zu etablieren – nicht als Pflichtübung, sondern als Haltung. „Das Wichtigste ist, über das Thema zu sprechen. Stürze passieren ständig, aber nur selten werden sie ausgewertet, weil alle mit dem Schrecken davongekommen sind. Wenn wir über Sturzunfälle oder Beinaheunfälle sprechen, können wir aber unglaublich viel verändern, bevor etwas Schlimmeres passiert.“

Jede Gefährdung wird sich trotzdem nicht ausschließen lassen. Aber es geht darum, die Arbeit und die Strukturen in der Kita so zu gestalten, dass vermeidbare Risiken reduziert werden. Prävention von SRS-Unfällen schützt Fachkräfte, entlastet Teams und sorgt dafür, dass pädagogische Arbeit ungestört stattfinden kann. „Die gute Nachricht ist: Kleine Maßnahmen haben große Wirkung“, fasst Weber zusammen. „Ein reparierter Pflasterstein, ein freigeräumter Flur, ein kurzer Hinweis im Teammeeting – das verändert mehr, als viele denken.“ ◆