Gefährdungsbeurteilung psychische Belastung bei KrippenkindernWie geht es eigentlich den Kleinsten?

Sie können sich noch nicht gut mit Worten artikulieren, aber senden ausreichend Signale, die Rückschlüsse auf ihr Wohlbefinden zulassen. Ein neues Instrument hilft Kitas, dies systematischer in den Blick zu nehmen.
zwei Kleinkinder

kurz & knapp

+ Kindliches Wohlbefinden ist Basis für Gefährdungsbeurteilung und Qualitätsentwicklung
+ Das Verfahren hilft, Risiken und Belastungen bei Krippenkindern frühzeitig zu erkennen
+ Praxistaugliches Material und Handreichungen für den Kita-Alltag

Die Räume der Nestgruppe der Kita Pappelallee in Berlin waren gerade neu gestaltet, als das Team merkte: „Das passt für unsere Kinder nicht.“ Also ging man einen bemerkenswerten Schritt, packte alles noch mal an, stellte alles erneut um und ordnete das Material anders an. Die Erkenntnis, dass die Räumlichkeiten – so gut geplant und schön sie auch waren – sich für einige Krippenkinder als nicht optimal erwiesen, kam durch die Teilnahme am Projekt „Potential­ und Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastung von Kindern unter 3 Jahren in Kindertageseinrichtungen“.

Vivien Hanke, Erzieherin in der Nestgruppe, erzählt: „Wir im Krippenteam reflektieren ständig, wie es den Kindern geht. Deshalb fanden wir die Idee gut, mittels des neuen Beobachtungsmodells mehrere Ebenen zu betrachten: das Kind selbst, die Gruppe sowie Organisation und Rahmenbedingungen – etwa die Räume.“ Das führte zu manchem Aha-Moment – und zur Umgestaltung. Nun ist Ruhe in die Gruppe eingekehrt, die auch nach außen ausstrahlt – wichtig, wenn neue Kinder eingewöhnt werden.

Die Kita Pappelallee ist eine von fünf Einrichtungen, die das Tool „Wohlbefindens- und Gefährdungsbeurteilung“ (WoGe) mitentwickelt und getestet haben. Das von der Universität Leipzig im Auftrag der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) entwickelte Verfahren basiert auf der Idee, dass Wohlbefinden ein zentraler Qualitätsindikator in der frühkindlichen Betreuung ist.

Impulse aus der Praxis

Durch Rückmeldungen an das wissenschaftliche Team wurden wichtige Impulse aus der Praxis aufgenommen. „Wir hatten eine tolle Dozentin, Workshops, Hausaufgaben – anstrengend nach langen Kitatagen, ja, aber wir sind immer mit guten Gedanken und Ideen rausgegangen“, erinnert sich Vivien Hanke. Heute liegt das Material allen Kitas zur freien Nutzung vor. Pädagogische Fachkräfte können damit das Wohlbefinden systematisch erfassen und Belastungsfaktoren erkennen.

„Wir sehen endlich auch die Stilleren“, sagt Hanke. „Durch die Beobachtungsbögen haben wir gelernt, genauer auf Signale zu achten, die wir sonst vielleicht übersehen hätten.“ Dabei zeigte sich auch: Das offene Konzept überfordert viele Kinder, besonders in Eingewöhnungsphasen. „Deshalb haben wir im Moment ein teilgeschlossenes Konzept, bis wieder alle angekommen sind.“

Das Instrument betrachtet die Rahmenbedingungen der Einrichtung und deren Wirkung auf das einzelne Kind. Zusätzlich wird dessen Wohlbefinden im Alltag konkret erfasst. Fachkräfte erhalten strukturierte Beobachtungsbögen, mit denen sie Faktoren wie emotionale Sicherheit, Selbstwirksamkeit oder soziale Teilhabe dokumentieren können. Ziel ist es, Gefährdungen frühzeitig zu erkennen und Ressourcen gezielt zu stärken.

Mehr Klarheit, mehr Unterstützung

„Die Implementierung braucht sicher eine Weile, aber es ist nicht aufwendiger als andere Beobachtungsbögen, die verwendet werden“, sagt Hanke. Mittlerweile läuft es so gut, dass die Kita überlegt, Konsultationseinrichtung für andere Kitas zu werden. Hanke sieht Potenzial auch im Elementarbereich und verweist darauf, dass das Verfahren gerade bei Kindern ohne Deutschkenntnisse wertvolle Hinweise auf ihr Wohlbefinden geben kann.

Die systematische Beobachtung schärft nicht nur den Blick auf jedes einzelne Kind, sondern fördert auch die Teamkommunikation. „Wir reden heute viel differenzierter über das Verhalten der Kinder und beziehen auch Eltern stärker ein“, berichtet Hanke. 

Laut DGUV kann die „Potential­ und Gefährdungsbeurteilung“ auch bestehende Dokumentationspflichten ergänzen oder ersetzen und bietet so einen Mehrwert für Qualitätsentwicklung. Für Hanke steht vor allem die Sinnhaftigkeit im Vordergrund: „Es ist keine zusätzliche Belastung, sondern eine echte Unterstützung. Wir verstehen die Kinder besser und können schneller reagieren, wenn es ihnen nicht gut geht.

Lesen Sie dazu auch das Interview mit Marianne Rölli-Siebenhaar, die das Projekt wissenschaflich begleitet hat.

Möchten Sie das Tool zur Beurteilung des Wohlbefindens von U3- Kindern testen?
Hier finden Sie es:
www.dguv.de, Webcode: p202123

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