Ziegen, Hühner, Fische und eine Schildkröte in der Kita? In Wittlich-Neuerburg gehören sie seit Jahrzehnten zum Alltag. Das Team weiß aus Erfahrung: Tiergestützte Pädagogik braucht mehr als Sympathie für Tiere – sie verlangt Planung, Regeln und Dokumentation in einem Konzept.
kurz & knapp
- Tiere sprechen Kinder ganzheitlich an und beeinflussen viele Lernbereiche.
- Wichtig sind klare Regeln, Hygiene und Gefährdungsbeurteilung.
- Eltern müssen und wollen eingebunden werden.
Pointi steht etwas verloren auf der großen Wiese, während sich seine Kumpels Knabberli und Panda nicht aus der Holzhütte wagen. Es regnet, und seit Tagen ist es grau und kühl. Das scheint auch den drei Ziegen aufs Gemüt zu schlagen, sodass sie lieber im Trockenen bleiben und dort ihr Heu knabbern. Nur wenn jemand an den Zaun tritt oder sie gerufen werden, schauen die Tiere neugierig, ob sie nicht eine Möhre, einen Apfel oder ein Löwenzahnblatt abstauben können.
Genau wie vier Hühner und ein Hahn, ein Aquarium voller Fische sowie eine Wasserschildkröte sind die Ziegen in der Kita Neuerburg im rheinland-pfälzischen Wittlich zu Hause. „Für die Ziegen hat unser Träger, die Stadt Wittlich, sogar die Wiese neben der Kita gekauft“, berichtet Ramona Westphal, die die Einrichtung seit fünf Jahren leitet. Tiergestützte Pädagogik ist aber schon seit Jahrzehnten ein fester Bestandteil des Konzepts, viele Eltern entscheiden sich bewusst aus diesem Grund für die Einrichtung. Sie beteiligen sich auch aktiv an der Versorgung der Tiere. „Ohne die Mithilfe der Eltern wäre es nicht möglich gewesen, die Ziegen und Hühner dauerhaft zu halten“, meint Westphal.
Die Eltern übernehmen mit ihren Kindern beispielsweise das Füttern und Ausmisten am Wochenende oder während der Schließzeiten. Die Einrichtung ist aufgrund der langjährigen Erfahrung auch Konsultationskita des Landes Rheinland-Pfalz. Wollen andere Kitas mehr über tiergestützte Pädagogik erfahren oder einen Blick hinter die Kulissen werfen, sind Besucherinnen und Besucher nach Rücksprache willkommen.

mit vielen Fischen in einem Aquarium.
Fischbabys zählen zu ihrer
Leibspeise. Auch diese Kreisläufe zu beobachten, sind wichtige Erfahrungen für
Kinder.
Kinder und Tiere harmonieren
Was genau spricht für Tiere in Kitas? Ramona Westphals Augen leuchten, als sie aufzählt: „Kinder und Tiere – das passt einfach. Bereits bei der Eingewöhnung merken wir, wie sehr die Tiere unterstützen. Vielleicht fällt es einem Kind schwer, Vertrauen zu fassen. Hier unterstützen die Tiere beim Beziehungsaufbau, denn eine Bindung zu den Ziegen oder Hühnern ist sofort da.“ Tiere bieten unzählige Gesprächsanlässe und wirken positiv auf die sozio-emotionale Entwicklung. Die Tiere können auch beruhigen: Ist ein Kind unruhig, wird sich die Ziege nicht streicheln lassen. Im Umgang mit den Tieren lernen Kinder, Emotionen wahrzunehmen und zu regulieren. Kinder lernen die Gefühle ihres Gegenübers zu lesen und sich der Situation entsprechend zu verhalten. „Die Kinder lernen Rücksichtnahme, Verantwortung zu übernehmen, und erleben Selbstwirksamkeit“, ergänzt die Kitaleiterin. Und auch, dass Ziegen ihren eigenen Willen haben und ihre Rückzugsmöglichkeiten nutzen.
Risiken kennen und bewerten
Damit die Tiere gesund bleiben und auch eine gesundheitliche Gefährdung der Kinder und Beschäftigten ausgeschlossen werden kann, kommt regelmäßig eine Tierärztin vorbei, zum Beispiel um die Hühner zu impfen oder bei den Ziegen eine Wurmkur durchzuführen. Das wird alles dokumentiert. Vor einiger Zeit hatte das Veterinäramt wegen der Vogelgrippe Stallpflicht angeordnet – da mussten die Hühner in ihrem zum Stall umgebauten Bauwagen bleiben. „In dieser Zeit haben wir auch keine Kinder mit zu den Hühnern genommen.“ Zum Glück dürfen diese inzwischen wieder draußen picken und scharren.
Trotzdem nehmen die Erzieherinnen zum Füttern und Saubermachen nicht mehr als drei Kinder mit – weder ins Hühner- noch ins Ziegengehege. „Gerade bei den Ziegen achten wir sehr darauf, dass die Kinder verständig genug sind und auch die körperlichen Voraussetzungen haben. Oft sind das Kinder ab vier, fünf Jahren.“ Natürlich sind die Ziegen zahm und freundlich, trotzdem brauchen die Kinder eine gewisse Körpergröße und einen festen Stand. „Außerdem müssen sie sich verlässlich an die vereinbarten Regeln halten. In den Gehegen wird nicht gerannt, und das gründliche Händewaschen nach dem Kontakt mit den Tieren ist ganz selbstverständlich“, nennt Ramona Westphal einige Beispiele.
Alle möglichen Risiken, die mit den Tieren zusammenhängen – von Allergie über Hygiene bis zu Unfällen –, hat die Einrichtung in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt. Ramona Westphal deutet auf einen Ordner: „Hier steht alles drin!“

Wenn sich jetzt im Frühjahr wieder Marienkäfer, Grashüpfer, Kellerasseln und Regenwürmer zeigen, rücken auch diese ganz gewöhnlichen Tiere stärker in den Fokus. Dann studieren die Kinder mit Becherlupen Krabbeltierchen, Federn und Schnecken. Tiergestützte Pädagogik sollte man durchaus ganzheitlich denken, findet das Team aus Wittlich.
Pointi meckert. Auch sie sehnt sich nach Sonne – und ein paar durch den Zaun gesteckten Löwenzahnblättern.
Tipp
Informationen zu rechtlichen Fragen zur Tierhaltung in der Kita finden Sie hier:
www.kinderkinder.dguv.de/kitatiere