Giftige Pflanzen auf dem Kitagelände? Ein Unding! Es kommt darauf an, schränkt Dr. Elke Frenzel von der Kommunalen Unfallversicherung Bayern (KUVB) ein: „Wenn wir nur nach ‚giftig‘ und ‚ungiftig‘ unterscheiden, dann dürfte in keiner Kita eine Tomatenpflanze sein“, sagt sie. Schließlich enthielten die Pflanze und die unreifen Früchte giftige Alkaloide. Und sogar Löwenzahn wird in der Literatur teilweise als giftig – wenn auch minder giftig – deklariert.
kurz & knapp
- Die Einteilung von Pflanzen in „giftig“ und „ungiftig“ greift zu kurz und lässt wichtige Aspekte unberücksichtigt.
- Kinder sollen Pflanzen und den Umgang mit ihnen kennenlernen – und nicht vor allen Risiken abgeschirmt werden.
- Eine Gefährdungsbeurteilung kann bei der Einschätzung helfen.
Den Kindern also untersagen, die Blüten abzuzupfen, um damit zu spielen? Gar einen Rollrasen ausbringen und alle Pflanzen mit Dornen, Stacheln, Brennhaaren und einer gewissen Giftigkeit verbannen? Auf keinen Fall! Frenzel plädiert für einen anderen Ansatz, nämlich Kinder schrittweise und ihrem Entwicklungsstand entsprechend an die Natur heranzuführen, statt sie von allen potenziellen Risiken fernzuhalten. „Es gibt weiterhin ein paar No-Gos in Kindertageseinrichtungen – aber wir wollen weg von der reinen Schwarz-Weiß-Betrachtung.“ Mit einer fundierten pädagogischen Begleitung lässt sich nämlich sowohl eine wertvolle Naturerfahrung ermöglichen als auch ein sicherer Umgang gewährleisten. Kinder sollen lernen, dass es Pflanzen gibt, die ungenießbar sind und die beim Anfassen pieksen oder brennen können. So ist die Berührung einer Brennnessel zwar unangenehm, aber harmlos – während für Schmetterlingsraupen und viele Insekten Brennnesseln eine unverzichtbare Futterquelle sind. Darf die Brennnessel also bleiben? Das Stichwort heißt auch hier – wieder einmal – Gefährdungsbeurteilung.
Mit offenen Augen durchs Gelände gehen
„Gefährdungsbeurteilung bedeutet nicht Bürokratie, sondern mit offenen Augen durchs Gelände gehen. Niemand muss ein Pflanzenkataster machen und auf einem Plan einzeichnen, wo welche Pflanze wächst, und beurteilen, ob diese möglicherweise gefährlich sein könnte“, beruhigt Frenzel. Aber natürlich ist es wichtig zu wissen, welche Pflanzen auf dem Außengelände wachsen, um eine solche Einschätzung vornehmen zu können. Wer sich dies selbst nicht zutraut, sollte sich Unterstützung holen. Eventuell gibt es Eltern mit entsprechender Expertise, die man ansprechen kann.
Eine Beurteilung gelingt auch etwa mithilfe von Bestimmungsapps, Bestimmungsbüchern oder der neuen Broschüre der DGUV zu Pflanzen in Kitas und Schulen. Damit können anhand von Fotos typische Pflanzen identifiziert werden und ein kleiner Steckbrief klärt über Gefährdungen und die Verwendung auf, aber auch über den Spiel- und Erlebniswert einer Pflanze. Die Broschüre arbeitet mit einer Farbcodierung, sodass auch für Laien sehr schnell erkennbar ist, ob beziehungsweise unter welchen Bedingungen eine Pflanze auf dem Kitagelände unbedenklich ist – oder nicht, und was dann zu tun ist.
Frenzel ergänzt: „Man muss klar unterscheiden, ob ein bestimmter Bereich des Geländes auch von Krippenkindern genutzt wird. Dann sind die Anforderungen strenger.“ Darauf gehen die Pflanzenporträts in der Broschüre explizit ein. Sehr praktisch: Es gibt ein Diagramm mit einfachen Fragen, das zentrale Kriterien für eine Pflanzenbeurteilung liefert. „Die Broschüre richtet sich an Laien“, betont Frenzel, selbst studierte Biologin und als Aufsichtsperson bei der KUVB viel in Kitas unterwegs.
Die Dosis macht das Gift
Frenzel sieht Pflanzenwissen als Teil eines pädagogischen Bildungsauftrags. „Viele Ängste resultieren aus Unkenntnis – früher wurde Pflanzenwissen in Familien weitergegeben, heute geht das oft verloren.“ Sie stellt klar, dass schwere Vergiftungsfälle extrem selten seien und oft aus Angst schnell überreagiert werde. „Tatsächlich werden viele Gefahren stark überschätzt.“ Mithilfe der Broschüre fällt die Bewertung leichter, bei welchen Pflanzen ein erhöhtes Risiko bestehen kann.
Wichtig
Es gibt in einigen Bundesländern spezifische Regeln, die ausdrücklich verlangen, das Kitagelände von den giftigsten Vertretern und solchen Giftpflanzen, deren Früchte auf Kinder besonders anziehend wirken, freizuhalten. Als Grundlage für die Giftigkeit kann beispielsweise die Liste der Giftpflanzen auf der Internetseite der Giftzentrale Bonn unter gizbonn.de/giftzentrale-bonn/pflanzen herangezogen werden. Häufige Fragen zu Vergiftungen durch Pflanzen beantwortet das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) unter www.bfr.bund.de.
Negative Erfahrungen wie der Kontakt mit Brennnesseln gehören für sie allerdings zur kindlichen Entwicklung. Und: „Auch Pflanzen, die für Menschen ungenießbar sind, leisten wertvolle Beiträge für die Natur.“ All diese Aspekte sollten bei der Diskussion um Anpflanzungen in Kindertageseinrichtungen Beachtung finden und eine differenzierte Beurteilung zur Folge haben. Als Co-Autorin der neuen Broschüre ist ihr ein Aspekt besonders wichtig: „Wir wollen die pädagogischen Fachkräfte nicht verunsichern, sondern ihnen Argumentationshilfen und vor allem Orientierung geben.“ Denn ein naturnahes Außengelände mit vielfältiger Bepflanzung ist in jeder Hinsicht eine große Bereicherung.
Pflanzen in Kindertageseinrichtungen und Schulen
Die Broschüre ersetzt die DGUV Information 202-023 „Giftpflanzen: Beschauen, nicht kauen“. Sie vermittelt aktuelles Wissen zu Giftpflanzen, Pflanzenbeurteilung, Naturerleben, Risikokompetenz und für Kitas geeigneten Pflanzen. Bestellung oder PDF-Download: publikationen.dguv.de, Webcode: p202023.
